11. Januar 2009 16:48

Von Gauklern, Scharlatanen und Scheinwissenschaftlern

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Pablo Picasso, Die Gauklerfamilie, 1905, National Gallery of Art, Washington D.C., USA

Pablo Picasso, Die Gauklerfamilie, 1905, National Gallery of Art, Washington D.C., USA

Das Wort zum Tag

Gute Gaukler sind wunderbare Kleinkünstler. Sie trumpfen als Akrobaten, Jongleure, Zauberer oder Gedächtniskünstler scheinbar mit übernatürlichen Fähigkeiten auf – aber eben nur scheinbar. Der Reiz fürs Publikum liegt genau darin, dass klar bleibt, dass die Künstler in Wirklichkeit solide Handwerker sind, die bestens eingeübte, aber kaum zu durchschauende Tricks vorführen.

Es gibt allerdings auch solche, die sich nicht als gewöhnliche Strassen- oder Bühnenkünstler präsentieren mögen, ihr Vorgaukeln geht einen Schritt weiter. Sie behaupten, tatsächlich Fähigkeiten zu besitzen, die sie nicht haben und verpacken ihre Darstellungen in abenteuerliche Geschichten. Im dafür gebräuchlichen Etikett «Scharlatan» versteckt sich das italienische ciarlare, schwatzen. Knaurs Universallexikon definiert den Begriff entsprechend als «jemand, der sich durch Redegewandtheit zu Unrecht den Ruf eines Fachmannes verschafft (bes. in der Med.)». Scheinheiler dürften wohl tatsächlich die Mehrheit unter den Scharlatanen ausmachen. Doch es gibt sie auch in anderen Disziplinen – und das ist beileibe kein neues Phänomen. Johann Burckhardt Mencke, der in zweiter Generation die erste wissenschaftliche Zeitschrift des deutschsprachigen Raums herausgab, schrieb schon 1713 von der Scharlatanierie der Gelehrten. Zwischen 1717 und 1742 veröffentlichte er Zusatzbände zu den Berufsgruppen der Ärzte, der Geistlichen und der Juristen).

Eine weit verbreitete moderne Form der Scharlatanerie ist, Glaubenskonstrukte scheinwissenschaftlich zu «beweisen». Hierbei wird der Wortschatz von Geistes- oder Naturwissenschaften übernommen und suggeriert, Schlüsse würden nach anerkannten Methoden gezogen. Zur Untermauerung der eigenen esoterischen oder religiösen Glaubenssätze werden allerdings elementare wissenschaftliche Regeln verletzt. Zum Beispiel erfolgen Interpretationen vor dem Durchführen von Beobachtungen oder es werden nicht falsifizierbare Behauptungen aufgestellt oder unschlüssige Beweisführungen aufgestellt. Dies ist auch bei dem Kreationisten der Fall, dem ich am 21.12.2008 einen Beitrag widmete. Wer keine andere anderen Erklärungsmodelle zulässt als bibelkonforme, betreibt Scheinwissenschaft. Dies muss durchaus nicht in böser Absicht erfolgen. Im Klappentext zum (leider vergriffenen) Buch Scharlatane: zehn Fallstudien von Gregor Eisenhauer wird dies verdeutlicht:

Die Lust am Betrug und am Selbstbetrug eint Täter und Opfer. Nicht selten glaubt der Scharlatan selbst, was er sagt; das lernt er im Lauf seiner Karriere – nicht zuletzt, weil seine Kundschaft ihm fanatisch anhängt. Dabei ahnen alle die Gefahr. Doch die Hoffnung auf eine wunderhafte Wendung scheint ihnen immer noch trostreicher als der Trott des gesunden Menschenverstandes.

Aus dem Umfeld des kritisierten Kreationisten kam die Aufforderung, die Bezeichnung «Scharlatan» zu entfernen. Dazu besteht kein Anlass. Aber der Begriff scheint – zumindest für einzelne – erklärungsbedürftig. Dies sei hiermit nachgeholt.

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