22. März 2009 19:22

Von der Trivialisierung des Dozentenberufs und der Weisheit der Massen – Eindrücke vom Blogcamp 4

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BlogCamp4

BlogCamp4

Business as usual beim vierten Blogcamp, welches gestern in der ETH Zürich über die Bühne ging: Blogwerk-Gründer Peter Hogenkamp sorgte als Conférencier – unterstützt durch zahlreiche Helfer – dafür, dass der Tag den Selbstorganisationsansprüchen einer Unconference wie auch dem helvetischen Ordnungsdrang gerecht wurde. Hauptinhalt bildeten wie immer Vorträge der Teilnehmenden, die in parallelen Slots abgehalten wurden – so kam eine breites Themenangebot zusammen, zwang aber die Teilnehmenden Auswahlen zu treffen.

Im ersten Block hörte ich Dorian Selz zu, der erzählte, wie er und sein Team bei der Gründung von local.ch vorgegangen waren. Sie setzten auf die Scrum-Methode, die darauf fokussiert ist, laufend kleine, überschaubare Arbeitspakete zu definieren, welche in typischerweise zwei bis vier Wochen dauernden Zyklen, so genannten «Sprints», realisiert werden. An kurzen, täglichen Sitzungen, den «daily scrums», wird gegenseitig informiert, was erledigt ist, woran jeder arbeitet und was allenfalls das Weiterkommen behindert. Spannend war, dass bei local.ch der scrum-Ansatz nicht nur für die technische Realisierung sondern auch für die unternehmerische Entscheidungsfindung zur Anwendung kam, offenbar mit klarem Erfolg.

Im zweiten Slot stand ich mit einer kurzen Rückschau auf den bila-blog selbst vor einem kleinen, aber interessierten Publikum, welches wohlwollende Rückmeldungen auf das ungeplante Projekt und dessen Umsetzung gab – und die Schlussfolgerungen der beteiligten BloggerInnen teilte: Das Projekt hätte viel früher lanciert werden müssen und es hätte mehr Effort gebraucht, um zu besserer medialer Aufmerksamkeit zu kommen. (Michael Jäger, der den Blog in gefälliger Art innert einer Woche aus dem Boden gestampft hatte, musste leider grippehalber als Ko-Vortragender passen.)

Zum Auftakt am Nachmittag präsentierte Frank Calberg seine Ideen, wie Unterricht 2.0 auszusehen hätte: In kleinen Gruppen organisiert, partizipativ und mit dem Anspruch, dass die Lernenden möglichst selbst auch als Lehrende auftreten. Dies scheint sich in den Management-Kursen, die Frank anbietet, zu bewähren. Bei der Frage nach der Skalierbarkeit, z.B. für Uni-Vorlesungen, die Hunderte von Studierenden anlocken, blieben seine Vorschläge allerdings unbefriedigend. Der Vorschlag, kleine Lern-Teams zu bilden, ohne kundzutun, wie dies ohne dem fünf- oder zehnfachen an Ausbildnern zu bewerkstelligen ist, ist nicht wirklich hilfreich. Als grotesk muss sein Vorschlag abgetan werden, dass beispielsweise im Bereich der Neurowissenschaften Studenten in Gruppen ein Buch zu einem Thema, welches sie erlernen müssen, herausgeben könnten und dann der Verkaufserfolg auf Amazon als Indiz dafür genommen wird, ob sie ihre Sache gut gemeistert haben. Es scheint, dass Frank mit wissenschaftlicher Lehre wenig vertraut ist und sich auch nicht bewusst ist, dass es Disziplinen gibt, bei denen es anders als bei der Managementlehre tatsächlich relevant ist, dass Studienabgänger nicht nur einen bunten Titel haben sondern einen Plan von ihrem Fach (und ja, ich habe auch während einiger Jahre Kürsli besucht, um Teil der Mediocre But Arrogant-Szene sein zu können.)

Crowds: mad or wise?

Crowds: mad or wise?

Den letzten Teil bestritt Blogwerker Ronnie Grob, der aufzuzeigen versuchte, wie Blogger zur «Weisheit der Massen» beitragen können. In seinem gleichnamigen Buchpostuliert James Surowiecki, dass Meinungsvielfalt, Unabhängigkeit, Dezentralisierung und intelligente Aggregation von Wissen kollektive Weisheit erzeugen. Für Ronnie bedeutet dies, dass sich Blogger eigene Meinungen leisten und Quellen hinterfragen und glaubwürdig auftreten müssen – also beispielsweise eher keine bezahlten Blogaufträge annehmen und ganz sicher nicht die Grenze zwischen eigenen Meinungen und Bezahlaufträgen verwischen, so wie es gewisse PR-Bloggertun. Offen blieb aber, ob vorhandene Meinungsvielfalt tatsächlich verhindert, dass sich die Masse so benimmt, wie es Charles Mackay bereits 1841 in seinem Buch «Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds» beschrieben hatte: Als Herde, die immer wieder und geradezu lustvoll kolossale kollektive Fehlentscheide trifft. Mackay analysierte in seinem Buch Spekulationsblasen wie diejenige der 1630er Jahre mit Tulpenzwiebeln, Quacksalbereien und Scharlatanerie sowie religiös oder politisch motivierte Hexenjagden oder Idiotien wie Vorschriften zur Haartracht (Ja, das Buch kam tatsächlich schon vor 168 Jahren heraus…) Ronnie empfahl Surowiecki zur Lektüre, ich zusätzlich Mackay – der Meinungsvielfalt wegenHappy

Bei allen vier Beiträgen kamen lebhafte Debatten mit dem Publikum zu Stande – so wie es an BarCamps sein sollte. Natürlich durfte das Bier danach nicht fehlen. In der Commihalle plauderte ich vor allem mit blogverzeichnis.ch-, blog.ch- und krz.ch-Besitzer Patrick C. Price, David vom Substanz-Blog sowie mit GeraldDiana und Mara von der Beizzweinull (die alle halbanonym bloggen und hier deshalb nur mit Vornamen erwähnt sind).

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