Steilvorlage für Bündner Ethik-Initiative? Berliner sagen klar «Nein» zu «Pro-Reli»
Berlin hat entschieden: Der 2005 im Bundesland eingeführte Ethkunterricht wird nicht ausgehebelt. Das vorwiegend christlich zusammengesetzte Komitee «Pro Reli» wollte via Volksbegehren eine Wahlfreiheit zwischen Ethik- und Religionsunterricht erzwingen. Die Berliner liessen sich aber nicht durch die Pro-Kampagne mit Prominenten beirren, an der unter anderem der Gesichtsvermieter (Jauch über Jauch) und Wahl-Potsdamer (und somit in dieser Sache nicht Stimmberechtigte) Günther Jauch beteiligt war.
611’422 Ja-Stimmen – ein Viertel der Stimmberechtigten – und die Mehrheit an der Urne hätten die Befürworter benötigt. Beide Zielvorgaben wurden klar verfehlt. Nur 346’119 BerlinerInnen unterstützten das Volksbegehren. Aufgrund der tiefen Stimmbeteiligung machte das zwar immerhin 48.5% der UrnengängerInnen aus, doch das Ergebnis ist nur scheinbar knapp. Bereits im Vorfeld wurde vorausgesagt, dass ein Vertel der Stimmberechtigten ein unerreichbares Ziel sein würde. Aufgrund dieser Hürde im Abstimmungsverfahren konnten die Gegner auch zu Hause bleiben. Sieht man einmal von der tiefen Stimmbeteiligung ab, tut sich allerdings ein überwunden geglaubter Graben auf: Die Westberliner, die sich an die Urne bemühten, sagten mehrheitlich ja, im Ostteil der Stadt war die Ablehnung deutlich.

Quelle: tagesspiegel.de
Die Befürworter gingen übrigens gerichtlich gegen den Berliner Senat vor, weil er mit Staatsmitteln für ein «Nein» warb. Dass die Pro-Kampagne unter anderem mitKirchensteuern finanziert wurde, störte die Kläger hingegen offensichtlich nicht.
Im Gegensatz zum geplanten Zürcher Schulfach «Religion und Kultur» werden im Berliner Ethik-Unterricht nicht nur Grundzüge der am meisten verbreiteten Religionen vermittelt sondern auch weltlich-humanistische Werte. Aus diesem Grund ist es in der Tat sinnvoll, dass alle SchülerInnen einer Klasse als Gemeinschaft denselben Unterricht besuchen. Die von den Pro-Reli-Vertretern angestrebte Segregation hätte die Zielsetzungen des Fachs unterlaufen.
Genau um dieselbe Entscheidung geht es am 17. Mai im Kanton Graubünden. Die von den Juso lancierte Ethik-Initiative will, dass künftig zwei Stunden Ethikunterricht angeboten werden, die den zumeist konfessionell getrennten Religionsunterricht ablösen sollen. Die Initiative gewinnt laufend an Unterstützung: Die Jungfreisinnigen, die SP und die Unia haben alle die Ja-Parole herausgegeben. Unterstützt wird die Initiative auch von der Freidenker-Vereinigung und einem Lehrerkomitee.
Dass das heutige Modell – ein obligatorischer Religionsunterricht mit Abmeldemöglichkeit – nicht mehr zeitgemäss ist, hat auch der Regierungsrat erkannt, der mit dem Gegenvorschlag «1+1» einen Mitelweg postuliert: Eine gemeinsame Ethikstunde für alle und eine Stunde Religionsunterricht, die wie bisher von den Kirchen organisiert wird. Die halbe Stundenzahl halbiert aber die Probleme nicht, wie Reta Caspar in der Mai-Ausgabe des «frei denken.» schreibt. Die Segregation würde nicht aufgehoben, zudem ist das Modell nur für die Oberstufe vorgesehen. In der Unterstufe soll sich nach den Vorstellungen des Regierungsrates nichts ändern.
Letztlich entscheiden die Bündner am 17. Mai also zwischen einem Auslaufmodell und einem erprobten, welches in Berlin eben von der Bevölkerung unterstützt wurde. Es ist zu hoffen, dass sie diese Steilvorlage aus dem Norden verwerten.




















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