10. Mai 2009 16:19

Homöopathie ist und bleibt Scharlatanerie

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Die Kügeli-Dealer im weissen Kittel freuen sich: Nach dem vorhersehbaren klaren «Ja» der Stimmberechtigten zur Komplementärmedizinvorlage können sie davon ausgehen, dass ihre Milchzuckerpräparate bald wieder von der obligatorischen Krankenkasse finanziert werden. Grund genug, das Glaubensgerüst dieser Disziplin in Erinnerung zu rufen.

Homöopathische Präparate werden in vier Phasen entwickelt:

  1. Eine gesunde Person schluckt eine Substanz, von dem sich ein Homöopath eine Heilwirkung erhofft. Die zu beobachtenden Symptome (lies: Vergiftungserscheinungen) werden protokolliert. Bei der Wahl der Mittel zeigen sich die Homöopathen nicht eben zimperlich. So gehört beispielsweise auch Hundekot zu den so erprobten (und empfohlenen!) Ausgangsstoffen.
  2. Die Substanz wird nun als Kur für die beobachteten Symptome klassifiziert.
  3. Die (zumeist zerriebene) Substanz wird verdünnt, typischerweise, indem sie mit 9 oder 99 Teilen Wasser vermischt wird. Dieser Verdünnungsvorgang wird mehrfach, teilweise hundertfach wiederholt.
  4. Die Annahme ist, dass je stärker verdünnt die Mischung ist, desto stärker ihre Wirkung. Die Homöopathen nennen dies Potenzierung.

Präparate, die in mehrfachen Zehnerpotenzen verdünnt wurden, tragen eine Bezeichnung wie D20, welche besagt, dass der Verdünnungsvorgang 20 mal wiederholt wurde. Bei Präparaten, die in Hundertenpotenzen verdünnt wurden, wird dies mit Bezeichnungen wie C10 angegeben. Rechnerisch entspricht eine D20-Flüssigkeit einer C10-Flüssigkeit. In beiden Fällen kommen auf ein Molekür der Ursprungssubstanz 1020 Moleküle Wasser. Ein Milliliter einer solchen Verdünnung von 1:100’000’000’000’000’000’000 enthält immer noch einige Moleküle der Ursprungssubstanz. Bei einer Verdünnung von 1023 – der sogenannten Avorgado-Konstanten, sie entspricht einem Tropfen einer Substanz aufgelöst im Mittelmeer – beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass noch ein solches Molekül vorhanden ist, 50%. Bei einer Verdünnung von 1024 beträgt die Wahrscheinlichkeit noch 1:10, und so weiter.

Typische homöopathische Präparate werden in “Potenzen” von D30 und höher verkauft, sind also garantiert wirkstofffrei – das scheint auch die Homöopathen selbst zu beruhigen. In einem aktuellen Bericht zu einem homöopathischen Selbstversuch steht:

As the participants were all medical doctors and the substance used was diluted well beyond Avogadro’s number, the study was considered a safe medical self-experiment.

Homöopathen argumentieren, dass nicht Moleküle sondern irgendwie übertragenene Information auf den Milchzuckerkügelchen haften bleibe und diese Information nach der Einnahme eben ihre Wirkung im Körper entfalte. Seit neuerem bedienen sie sich gerne der Quantenmechanik, um diese Informationsübertragung irgendwie erklären zu können. Deren Spezialisten haben derlei Postulate inhaltlich zerpflückt, beispielsweise in der Zeitschrift Homeopathy1. Sie werden aber dennoch munter aufrecht gehalten wie auch Berichte über klinische Erfolge, obschon Metastudien zeigen, dass Wirkungen über Placebo-Effekte hinaus höchstens dann eintreten, wenn mit gering verdünnten Präparaten (beispielsweise D3) gearbeitet wurde.

Placebo-Effekte – und ihr negatives Pendant, sogenannte Nocebo-Effekte, also «gefühlte» Verschlechterungen nach einer Behandlung – sind auch in der klassischen Medizin unvermeidlich. Deshalb müssen Präparate einen Effekt über die Placebo-Wirkung hinaus erzielen, um zugelassen zu werden. Wohl jeder Hausarzt verwendet zudem den Placebo-Effekt gelegentlich mit vollem Bewusstsein: Gewisse Patienten glauben nur an eine seriöse Behandlung, wenn ihnen wenigstens ein Mittelchen mit auf den Weg gegeben wird. Sobald aber ein Arzt selbst nicht mehr zwischen seiner psychologischen Wirkung und derjenigen des abgegebenen Präparates zu unterscheiden mag, wird’s gefährlich. Eine solche Person läuft Gefahr, den richtigen Zeitpunkt für eine Intervention mit einem echten Wirkstoff zu verpassen, auch wenn er oder sie nicht ganz so verblendet ist, wie dieser Homöopath, der seine Tochter zu Tode kurierte.

Nachtrag: Für die Zeitung P.S. verfasste ich eine Übersicht über die fünf Disziplinen, welche die Befürworter sofort zurück in der Grundversicherung haben wollen. Er ist hier als PDF erhältlich. Er darf gerne weiter verbreitet werden.

1 Phillippe Leick (2008): Comment on: “Conspicuous by its absence: the Memory of Water, macro-entanglement, and the possibility of homeopathy” and “The nature of the active ingredient in ultramolecular dilutions”, Homeopathy, 97, Seiten 5-51. (via sciencedirect)

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