7. August 2009 12:57

Überflüssig und untauglich: Die EDU-Initiativen gegen die Sterbehilfe

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Die EDU will Exit und Dignitas in die Illegalität abdrängen
Nun sind sie also hochoffiziell zustande gekommen, die beiden kantonalzürcherischen Initiativen, mit denen die EDU die Sterbehilfe in die Illegalität abdrängen will. Verstärkung fand die Partei der Gottesfürchtigen bei einzelnen EVP- und SVP-Vertretern, die in den Initiativkomitees Einsitz nehmen.

Die eine Initiative richtet sich gegen den so genannten «Sterbetourismus». In Form einer allgemeinen Anregung verlangen die Initianten folgendes:

Der Kanton Zürich erlässt rechtliche Bestimmungen, welche jegliche Beihilfe zum Selbstmord an Personen ohne mindestens einjährigen Wohnsitz im Kanton Zürich (Sterbetourismus) nicht gestatten und unter Strafe stellen.

Diese erste Initiative richtet sich klar gegen Dignitas, die im Gegensatz zu Exit auch im Ausland wohnhafte Personen in den Tod begleitet. Exit verzichtet nach eigener Darstellung primär aus Kapazitätsgründen darauf, Personen aus dem Ausland zu betreuen. Der Dignitas-Gründer Ludwig Minelli sieht die Sache aber grundsätzlicher:

Wenn wir einer Frau mit metastasierendem Brustkrebs in Kreuzlingen im Kanton Thurgau helfen, welches könnten dann die Gründe sein, den Hilferuf einer Frau mit gleicher Krankheit in der Nachbarstadt Konstanz, auf deutschem Gebiet, abzuweisen? Wenn aber Konstanz «Ja», warum dann London, Paris oder Hong Kong «Nein»?

Der real existierende Sterbetourismus in die Schweiz hat dazu geführt, dass sowohl in Deutschland wie auch in Grossbritannien eine öffentliche und politische Debatte zum Thema eingesetzt hat und in beiden Ländern in absehbarer Zeit mit einer auch juristischen Gutheissung der Sterbehilfe zu rechnen ist.

Es ist selbstredend dennoch legitim zu fragen, ob tatsächlich eine kleine Organisation im Kanton Zürich für die Behebung der Missstände in anderen Ländern besorgt sein soll. Nur: Die Initiative wird nicht einmal diese Debatte anstossen, geschweige denn gesetzliche Beschränkungen durchsetzen können. Eine derartige Beschränkung würde klar gegen höheres Recht verstossen. Das scheinen auch die Initianten zu wissen, denn sonst hätten sie wohl nicht die Form der allgemeinen Anregung gewählt. Worum es den Initianten in Wirklichkeit geht, legen sie mit ihrer zweiten Initiative offen:

Sie wollen den Kanton Zürich zu einer Standesinitiative zwingen, um in Bern folgendes zu vertreten:

Der Bund wird beauftragt, jede Art von Verleitung oder Beihilfe zum Selbstmord unter Strafe zu stellen.

Konkret wollen die Initianten, dass Artikel 115 des Strafgesetzbuches keine Ausnahmen mehr zulässt. Heute lautet dieser Artikel wie folgt:

Wer aus selbstsüchtigen Beweggründen jemanden zum Selbstmorde verleitet oder ihm dazu Hilfe leistet, wird, wenn der Selbstmord ausgeführt oder versucht wurde, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.

Die Initianten schlagen ganz konkret vor, die drei Worte «aus selbstsüchtigen Beweggründen» zu streichen. Jegliche Suizidunterstützung würde damit strafbar, auch wenn sie ausschliesslich auf Wunsch und im Interesse der sterbewilligen Person erbracht wird. Die Tätigkeit von Exit und Dignitas würde also in die Illegalität abgedrängt. Die Beweggründe der Initianten sind ganz klar religiös motiviert, wie sie mit Verweis auf ein «Ethik-Papier» (PDF) aus dem Hause der evangelikal ausgerichteten «Freien Theologischen Universität Gießen» offenlegen. Darin steht unter anderem:

Nach christlichem Verständnis ist das Leben außerdem ein anvertrautes Geschenk Gottes, mit dem der Mensch verantwortlich umgehen soll. Gott hält als Schöpfer und Erfinder des Lebens sowohl dessen Anfang (Psalm 119,73; 139,13-16) als auch dessen Ende (Psalm 90,3; Prediger 7,17; Matthäus 6,27) in Händen und misst dem Leben eine jeweils individuelle Spanne zu. Sogar über den Tod hinaus sorgt er sich um seine Geschöpfe (Johannes 3,16). Der Mensch ist nach christlichem Verständnis zwar keine willenlose Marionette. Er darf und soll sein Leben selbstständig gestalten, aber immer in der Verantwortung vor Gott seinem Schöpfer.

Die Initianten lehnen also das Selbstbestimmungsrecht des Menschen ab. Solange sie religiöse Unterwerfung nur sich selbst auferlegen, ist wenig dagegen einzuwenden. Dass sie ihren Verhaltenskodex anderen aufzwingen wollen, ist hingegen mehr als nur ärgerlich. Sowohl Exit wie auch Dignitas betonen, dass nur eine Minderheit derjenigen Personen, die sich bei ihnen über die Möglichkeiten einer Sterbebegleitung informieren, eine solche tatsächlich auch in Anspruch nehmen. Das Wissen, im Zweifelsfall auf würdevolle Art sein Leben beenden zu können, stärkt viele also in ihrem Lebenswillen. Eigentlich müssten daran auch christliche Fundamentalisten ihre wahre Freude haben…

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5 Kommentare »

  • Michael Jäger meint:

    Religiöse Fundamental-Argumentationen stossen gerade dann sauer auf, wenn es um moralisch sensible Themen wie Abtreibung oder eben Sterbehilfe geht. Mit dem bibelgestützten Holzhammer werden Graubereiche zerschlagen.

    Beim Stimmbürger macht aber oft genug der Ton die Musik. Bei sich leerenden Kirchenbänken wird es nicht einfach, mit Psalmen eine Abstimmung zu gewinnen.

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  • Andreas (author) meint:

    Nun, mit ihrer Initiative zur Wiedereinführung des Bibelunterrichts haben die EDU-ler einen vollen Erfolg verbuchen können. Angesichts der 40’000 eingereichten Unterschriften geriet der ganze Zürcher Kantonsrat von rinks bis lechts in Panik und fabrizierte die Mogelpackung «Religion und Kultur» statt die EDU-Initiative einfach ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung zu empfehlen.

    Ich hoffe, dass der Rat diesmal etwas selbstbewusster agiert und vielleicht jemand in Erinnerung ruft, dass die Zürcher im Jahr 1977 an der Urne mit 58.4% «ja» gesagt hatten zur Sterbehilfe. (Auch dies war eine Standesinitiative – und das Anliegen wurde anschliessend in Bundesbern versenkt.)

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  • Andi meint:

    Wir wollen den Zustand in diesem Land erreichen, wo NEK relativ zügig ein Statement zu solchen cerebralen EDU bursts abgibt. http://www.youtube.com/watch?v=I_jwIeoAP8Q

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  • Ulf - Mehr oder minder täglich Privatkram meint:

    Freund Hein und der Perser…

    Herrn B, einen persischstämmigen Patienten, kannte ich schon einige Jahre. Viel länger, als die meisten die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs überleben. Aber dises Mal war klar, daß es sein letzter……

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  • Andreas Kyriacou über Manches » Sterbehilfe: SVP winkt klar rechtswidrige Initiative im Zürcher Kantonsrat durch meint:

    [...] 07.08.09 Überflüssig und untauglich: Die EDU-Initiativen gegen die Sterbehilfe (No Ratings Yet)  Loading … [...]

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