Sind wir ohne Moral die besseren Menschen? – Interview mit Michael Schmidt-Salomon
Der deutsche Philosoph und Autor Michael Schmidt-Salomon liest auf Einladung der Freidenker-Vereinigung der Schweiz am 9. September um 19.30 Uhr im Zürcher Volkshaus aus seinem neuen Buch «Jenseits von Gut und Böse». Er fordert darin die Abkehr vom «Moralismus-Wahn». Grund genug für ein Interview:
Du argumentierst, dass unser moralisches Gerüst auf zwei Axiomen beruht, die «nicht wasserdicht» sind: Der Willensfreiheit, und der realen Existenz des «Guten» und des «Bösen» als absolute Kategorien. Konsequenterweise forderst Du, dass wir uns von unseren moralischen Grundprinzipien lösen. Welche gesellschaftlichen Werte sollen denn gelten?
Es gibt zwei verschiedene Formen der normativen Bewertung: Man kann eine Handlung nüchtern danach beurteilen, ob sie legitim ist, also ob sie die Interessen anderer hinreichend berücksichtigt oder nicht. Eine solche Argumentationsweise nenne ich «ethisch». Hiervon grenze ich die «moralische» ab, bei der es wesentlich darum geht, Personen nach den metaphysischen Kriterien «Gut und Böse» zu bewerten.
Während eine ethische Perspektive versucht, die Interessen aller Betroffenen in Einklang zu bringen, verschärft die moralische Argumentation meist das Konfliktpotential, denn «böse sind ja stets die anderen». Ich habe die Wirkungen des Gut-versus-Böse-Dualismus u.a. am Beispiel des Holocaust untersucht. Mein Fazit ist, dass die meisten SS-Männer gar nicht das psychische Rüstzeug besessen hätten, um ihrem mörderischen Handwerk nachzugehen, wenn die Nazipropaganda nicht zuvor die Idee «des Bösen» in allen erdenklichen Facetten durchgespielt hätte. Aus Auschwitz lernen, heisst, auf die Idee des Bösen zu verzichten…
Besteht aber nicht die Gefahr, dass jedes Handeln entschuldbar wird? Eine aktuelle Studie aus Bern zeigt, dass jugendliche Gewalttäter selten Reue zeigen und sich gar selbst als Opfer sehen. Führt der Verzicht auf ein moralisches Gerüst nicht geradezu zwingend zu solchen Umkehrungen und Beliebigkeiten?
Wenn diese Gewalttäter das Gefühl haben, dass sie zum Zeitpunkt der Tat gar nicht anders handeln konnten, haben sie damit zunächst einmal Recht. Kein Mensch kann sich zu einem gegebenen Zeitpunkt anders verhalten als er sich verhält. So etwas würde nämlich ein Wunder, einen Riss im Kausalgefüge der Welt, verlangen. Der interessante Punkt hierbei ist: Nur wenn die Illusion der Willensfreiheit allgemein akzeptiert ist, kann man versuchen, sich entschuldigend aus der Affäre zu ziehen, indem man darauf hinweist, dass man zum Zeitpunkt der Tat leider nicht anders handeln konnte. Hätten wir diese Fiktion überwunden, wäre dies sinnlos. Denn dann wäre es Konsens, dass jeder sich nur so verhalten kann, wie er sich aufgrund von Anlagen und Erfahrungen in diesem Moment verhalten muss.
Ich bin überzeugt, dass uns eine solche Perspektive einen angemesseneren, humaneren Umgang mit den Tätern ermöglichen würde. Allerdings würde es selbst dann noch Strafen für Regelverstöße geben. Denn um die Häufigkeit unerwünschten Verhaltens zu begrenzen, muss man Kosten erheben. Im Prinzip kann man das Strafgesetzbuch mit einer Speisekarte im Restaurant vergleichen. So wie für Menü X die Kosten X anfallen, verlangt das Strafgesetzbuch für Delikt Y die Kosten Y. Habe ich das teuerste Menü gewählt, muss ich die Rechnung begleichen. Der Hinweis darauf, dass meine Leidenschaft für Kaviar durch unzählige Determinanten bedingt ist, legitimiert mich nicht dazu, die Zeche zu prellen…
Du argumentierst, dass eine Anerkennung unserer biologischen Prägung zu einer «neuen Leichtigkeit des Seins» führt, aber auch zu einer solidarischen Gesellschaft. Wie soll das gehen?
Wer weiß, dass er sich in der Vergangenheit nur in der Weise verhalten konnte, wie er sich unter den gegebenen Bedingungen verhalten musste, wird zurückliegende Fehlentscheidungen wohl bereuen und auch daran arbeiten, künftig anders zu reagieren, er wird daraus jedoch keine Selbstvorwürfe ableiten, da es sinnlos ist, sich für etwas zu kasteien, was notwendigerweise so war, wie es war.
Wer sich auf solche Weise selbst vergeben kann, kann auch anderen besser vergeben und dadurch ein entspannteres Verhältnis zu seinen Mitmenschen entwickeln. Nicht zuletzt zeigen sich die Vorzüge dieser alternativen Sichtweise auf gesellschaftlicher Ebene: Individuen, die gelernt haben, sich selbst und anderen zu vergeben, wird man nicht dafür gewinnen können, Rachefeldzüge gegen «das Böse» und seine vermeintlichen Agenten zu führen.
Berlin hatte seine «Ethik oder Reli»-Debatte, in Graubünden ging eine ähnlich gelagerte Abstimmung zugunsten eines «dualen Modells» aus, im Kanton Zürich serviert an der Volksschule künftig ein Religionspotpourri. Braucht es, wenn wir ohne Moral die besseren Menschen sind, Ethik- oder Religionsunterricht an der Schule?
Ich wende mich gegen Moralismus, nicht gegen Ethik! Ich bin überzeugt, dass wir ein Fach brauchen, in dem Schülerinnen und Schüler, gleich welcher kultureller Herkunft, gemeinsam über die grundlegenden Werte des Zusammenlebens diskutieren, in der sie die unterschiedlichen weltanschaulichen Entwürfe kennenlernen und sich darin üben, diese kritisch in Frage zu stellen. Dies kann nur gelingen, wenn neben religiösen Sichtweisen auch religionskritische Perspektiven vermittelt werden. Zudem sollten säkulare Philosophien ebenso behandelt werden wie religiöse Bekenntnisse.
All dies spricht für die Einführung eines für alle verbindlichen Ethikunterrichts. Spezielle Bekenntnisunterrichte sollten allenfalls fakultativ dazu angeboten werden, denn die Schulen sollen der religiösen Gettoisierung der Gesellschaft entgegenwirken, statt sie mit getrennten Religionsunterrichten zu verstärken. Hier haben die Schulen einen wichtigen Bildungsauftrag: Sie sollten jungen Menschen helfen, sich im Dschungel der Weltanschauungen zurechtzufinden. Deshalb sollten Schülerinnen und Schüler nicht einseitig indoktriniert werden. Wenn sich hinter weltanschaulicher Vielfalt bloß potenzierte Einfalt verbirgt, sind gesellschaftliche Konflikte vorprogrammiert…
Die Veranstaltung findet im Blauen Saal des Zürcher Volkshauses statt. «Jenseits von Gut und Böse» ist an der Veranstaltung dank der Zusammenarbeit mit der Buchhandlung am Helvetiaplatz erstmalig erhältlich (offizieller Verkaufsstart ist der 11. September.)
Das Interview führte ich für die Zürcher Wochenzeitung P.S. Es erschien in der Ausgabe vom 3. September.
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Sind wir ohne Moral die besseren Menschen? – Interview mit Michael Schmidt-Salomon…
Der deutsche Philosoph und Autor Michael Schmidt-Salomon liest auf Einladung der Freidenker-Vereinigung der Schweiz am 9. September um 19.30 Uhr im Zürcher Volkshaus aus seinem neuen Buch «Jenseits von Gut und Böse». Er fordert darin die Abkehr vom «Mo…
Wenn man annimmt, dass Willensfreiheit inexistent ist, lässt sich auch die Häufigkeit unerwünschten Verhaltens nicht vermindern. Da widerspricht er sich.
@Yannick: Er widerspricht sich nicht. Die Frage, wie jemand sich in einer bestimmten Situation verhalten wird, hängt zwar nicht vom “Freien Willen”, aber sehr wohl von der Situation ab: Wenn mehrere Handlungsalternativen zur Verfügung stehen, dann bestimmt der “Preis” einer Alternative, ob ich sie mir leisten kann (oder will) oder nicht. Wenn auf Mord lebenslang steht, dann werde ich mir das überlegen, sonst evtl. nicht.
Ich frage mich, ob der Veröffentlichungstermin eine tiefere Bedeutung hat, absichtlich ausgewählt wurde.
Ohne Moral (so wie Michael Schmidt-Salomon es definiert) wäre das Leben ein Stück einfacher. Entscheidungen und Verhaltensweisen sind leichter zu bewerten und entsprechend zu belohnen oder zu sanktionieren.
Aber die strikte Trennung von Ethik und Moral ist kritisch. Auch auf der ethischen Ebene müssen Regeln formuliert werden, die das Zusammenleben beschreiben und Interessen jedes Einzelnen schützen. Aber wie ist der Bewertungsmaßstab anzusetzen? Wo ist die Grenze zu ziehen? Wann darf das Wohl weniger für das Wohl vieler geopfert werden? Darf es das überhaupt geben? In diesen Punkten kommt man mit der Ethik nicht weiter, Moral kann hier Antworten liefern. Das Problem ist nur, dass jeder Mensch diese Fragen anders beantwortet!
Ich habe den Artikel nicht zu Ende gelesen, weil der erste Satz M.S.S’ den ganzen Rest schon infrage stellt.
Zitat:“Es gibt zwei verschiedene Formen der normativen Bewertung: Man kann eine Handlung nüchtern danach beurteilen, ob sie legitim ist, also ob sie die Interessen anderer hinreichend berücksichtigt oder nicht. Eine solche Argumentationsweise nenne ich «ethisch». Hiervon grenze ich die «moralische» ab, bei der es wesentlich darum geht, Personen nach den metaphysischen Kriterien «Gut und Böse» zu bewerten.”
Die Frage ist für mich, wer bestimmt, was für den Anderen ein HINREICHENDES Berücksichtigen seiner Interessen ist und wer das letztendlich definiert.Solange M.S.S. darüber schweigt, ist er genau so metaphysisch wie jeder andere dahergelaufene Moralist.
Zitat:“Während eine ethische Perspektive versucht, die Interessen aller Betroffenen in Einklang zu bringen, verschärft die moralische Argumentation meist das Konfliktpotential, denn «böse sind ja stets die anderen»
Beispiel: Wenn ein Staat sich entschließt, einen anderen zu überfallen, um ihn auszuplündern, aber es dann aufgibt, weil das Opferland sich verpflichtet, seine Armee nicht ausrücken zu lassen, so dass der Angreifer dieses Land, ohne einen Schuß abzugeben, besetzt und so zu seinem Ziel kommt, natürlich ohne Blutvergießen, dann ist das nach unserm Philosophen ein ethisches Vorgehen?
M.S.S. wäre gut beraten, wenn er die Frage der Interessenlage NIEMALS von der Machtfrage getrennt stellt – sonst wird’s methaphysisch.
Ich möchte Herrn M.S.S. einfach mal den Tip sich an folgendes Werk von F. Engels zu erinnern: “Herrn Eugen Dürings Umwälzung der Wissenschaft” Abschnitt: Ewige Wahrheiten.
@Kretzer2: Doch, ich finde schon, dass er sich da widerspricht. Diese von dir beschriebenen Handlungsalternativen bestehen für den Otto-Normal-Bürger gar nicht. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, weit bedächtigere Menschen wären schlichtweg nicht in der Lage, diese Kausalzusammenhänge ihrer Handlungen wahrzunehmen – auch, weil sie sich im Moment ihres Handelns gar keine Gedanken darüber machen. Ethik kann argumentorisch nicht mit Preisen begründet werden, dies wäre schon eine Disparität in sich. Moral schon gar nicht. Aber genau diese Preisliste unseres Justizwesen, welches er dann eben – widersprüchlicherweise -, honoriert, vertritt eine sehr christlich moralische Sicht und definiert Tabuzonen, die im Grunde nichts anderes als reine Moral darstellen. Mit anderen Worten: Die erwähnte Handlungsalternative die ein Schläger angeblich haben soll, ist eine äusserst Konstruierte. Wenn du von geplantem Mord sprichst, mag das noch zutreffen. Wenn dann aber, wie im Text, von Schlägern gesprochen wird, kann man nur von einem wahnwitzigen Theoriegebilde sprechen.
Aber im Grossen und Ganzen ist das ganze Moralgedudel doch nichts Neues. Nietzsche, oder? =)
[...] http://kyriacou.ch/2009/09/sind-wir-ohne-moral-die-besseren-menschen-interview-mit-michael-schmidt-... a few seconds ago from Twhirl [...]
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Ich denke auch, dass sich Michael Schmidt-Salomon widerspricht, wenn er die Willensfreiheit negiert und gleichzeitig ethisches Handeln fordert. (Die Abgrenzung zwischen den verwendeten Begriffen Ethik und Moral sind zudem völlig willkürlich.) Wäre der Mensch nicht frei, Entscheidungen mindestens teilweise zu steuern, so könnten auch die Wahrscheinlichkeiten von Ereignissen dadurch nicht beeinflusst werden. M.S.-S. überzeugter Atheismus (die Negation eines ursprünglichen Willens) ist das eine, die Negation der Willensfreiheit des Menschen dagegen ist aber auch die Negation jeglichen Humanismus. Der Bruch der Kausalkette durch das “Wunder” der Existenz des Menschen ist eben genau das Wesen dieses Kausalzusammenhangs. Eine Kausalkette ohne Ursachen (causae) wäre per se eine Tautologie. Es wäre etwas unlogisches im Sinne Spocks und würde sich nicht von dem Nichts unterscheiden, das gemäss Descartes nicht sein kann.
Wenn der Mensch nicht könnte, so müsste er auch nicht sollen.
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MSS thesen sind untauglich für den alltags-skeptiker: und darum geht es doch, die masse der skeptischen religiösen zu überzeugen, dass seine thesen besser seien.
Der massenmensch unterscheidet nicht zwischen ethik und moral; der weiss gar nicht, dass es da einen unterschied geben soll. Letzthin, beim schlachten der weihnachtsgans, tat ich es schweren herzens und war nicht zwischen moral und ethik hin- und hergerissen, sondern welches messer ich benützen soll.
Der gesunde menschenverstand lässt sich schwerlich überzeugen, dass es keinen freien willen gibt. Beim aussähen letzten frühling zweifelte ich jedenfalls mehrere nächte, ob ich den richtigen tag ausgewählt hatte. Hätte ich keinen freien willen, hätte ich ruhig geschlafen.
Ein kleines gedankenexperiment frei nach Gödel: welches trifft wohl eher zu? a) ein gehirn ohne freien willen stellt nach aller kunst der logik fest, dass es einen freien willen hat; b) ein gehirn mit freiem willen stellt mit aller kunst der logik fest, dass es keinen solchen hat; c) gehirn mit freiem willen stellt besitz des freien willens fest; d) gehirn ohne freien willen stellt eben diesen zustand fest.
Alles in allem: Blaise Pascals logische wahl, sich für religion zu entscheiden, weil man ja nie sicher sein kann, ist jedem bauern einsichtig. MSS thesen jedoch sind so kompliziert, dass ein paar akademiker nun eine gottlose moral, pardon, ethik pflegen und predigen und niemand hört hin, weil “chabis”.
Nichts für ungut.
PuureSepp