Grüner Populismus – zum Migrationspapierchen des Duos Gilli-Girod
Die Homöopathin Yvonne Gilli und der Klimaforscher Bastien Girod sind also der Meinung, das Thema «Zuwanderung» gehöre diskutiert. Eigentlich brachte ihr Publicity Stunt nichts Neues, weder inhaltlich noch in der Art, wie sie ihn aufgezogen. Für beide war Migration bisher nicht gerade ein Kernthema, doch es ist durchaus legitim, einzufordern, dass die Grünen das Thema anpacken.
Bloss: Das Thema ist längst auf der Grünen Agenda, am 3. Oktober fand dazu in Bern eine von der Partei organisierte Fachkonferenz (Programm als PDF) statt. Den beiden schien ein Tag Knochenarbeit aber wohl zu anstrengend und die interne Debatte als Plattform zu wenig sexy. Sie zogen es deshalb vor, via Sonntagspresse auf ihr Papierchen aufmerksam zu machen – ein für Bastien übliches Vorgehen. Bereits im August meinte er, zusammen mit Antonio Hodgers der Partei via Sonntagspresse mit einem dünnen Papierchen eine neue Ausrichtung empfehlen zu müssen.
Auch inhaltlich sind ihre Feststellungen bloss alter Wein in alten Schläuchen. Zu den Gründerzeiten der Grünen glaubten ein paar Rechtsnationale, die neue Partei für ihre Sache einspannen zu können. Ihre Botschaft war simpel: «Je mehr Zuwanderung desto mehr Umweltzerstörung.» Ihr Plan ging nicht auf und sie gingen dorthin zurück, wo sie hergekommen waren, zur «Nationalen Aktion für Volk und Heimat», dem Grüppchen, das sich später in «Schweizer Demokraten» umtaufte und heute faktisch tot ist.
Selbstredend führt eine Zunahme der Bevölkerung tendenziell zu einem erhöhten Ressourcenverbrauch, zu mehr Verkehr, zu mehr Druck auf Erholungsräume. Diese banale Erkenntnis soll keineswegs unter den Tisch gekehrt werden. Man braucht allerdings nur die Bevölkerungsstruktur und die Wohnformen in Küsnacht ZH und Dietikon miteinander zu vergleichen, um zu erkennen, dass andere Faktoren einen ungleich viel grösseren Einfluss haben. Wer dies mutwillig ausblendet und sich dem internen Austausch verweigert, sollte sich vielleicht mal den Knigge von Dieter Nuhr zu Herzen nehmen.
Andere Bloggende zum Thema:
Philippe Wampfler: Addenda am Montagabend – das Intellektuellendebättchen und Bastien Girod
Ruedi Baumann: Einwanderungsstopp?













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Was mir erst bei der Fotomontage aufgefallen ist (sehr hübsch im übrigen): Offenbar braucht es für solche Stunts immer zwei…
Ja, die interne Kontroverse und namentlich die Andeutungen im letzten Abschnitt zeigen, dass eigentlich die Maxime von Polo Hofer zielführend ist: Grün denken, rot wählen. Oder konkreter: Grün denkende Rote wählen. Egal auf welcher Liste.
Mann, voll krass eh. Es menschelt einfach überall. Und immer liegt es eigentlich an dem, was man Kommunikation nennt. Eigentlich ist das Miteinanderleben aber auch die Führung einer Firma oder eines Vereins nichts anderes als Kommunizieren. Ich staune beim Betrachten unterschiedlicher Firmen (und Vereine) immer wieder, wie viel an Ressourcen, Zeit und Geld in die Kommunikation investiert wird. Und ich wage die Behauptung, dass die guten und erfoglreichen Firmen ihre Ueberlegenheit gegenüber der Konkurrenz primär dadurch erreicht haben, dass sie sowohl nach Aussen (Marketing/Corporate Communications) wie nach Innen (Führung/Kommunikation/HR erstklassige Arbeit leisteten.
@Andi Koch
ich wage die Behauptung, dass die guten und erfoglreichen Firmen ihre Ueberlegenheit gegenüber der Konkurrenz primär dadurch erreicht haben, dass sie sowohl nach Aussen (Marketing/Corporate Communications) wie nach Innen (Führung/Kommunikation/HR erstklassige Arbeit leisteten.
Da hast Du wohl Recht. Die einen verkaufen aber halt lieber das eigene Konterfei als das Firmenprodukt. Im Übrigen herrscht bei den Grünen eine gute Diskussionskultur. Mein Votum gegen die Komplementärmedizinvorlage an der entsprechenden DV war zwar nicht populär, aber die Debatte fand in guter Atmosphäre statt. Das schätzte ich sehr, auch wenn ich mir ein etwas differenzierteres Abstimmungsergebnis gewünscht hätte.
Das Du Girod/Gilli auch nur andeutungsweise in die Nähe von Rechtsextremen oder Nationalisten rückst, beweist wie recht die beiden hatten, ihr Papier nicht an diesem PC Event bekannt zu machen. So, mehr möchte ich dazu nicht sagen. Da Hamas doch wieder.
Herzlichst
Gerardo und Einige (derzeit noch im Beobachterstatus)
Ach, Gerardo, Du machst es Dir sehr, sehr einfach. Als die Westschweizer vor einigen Monaten mit der Idee einer Migrationsinitiative an den Vorstand der Grünen Schweiz gelangten, wurde die Idee der Fachtagung geboren. Denn es war klar: Es besteht Diskussionsbedarf und der skizzierte Initiativtext war derart lang und detailbesessen, dass er unmöglich hätte durchgewinkt werden können.
Ich sagte an jener Sitzung, dass man redlich sein müsse und zugestehen, dass jedes Migrationsmodell immer eine Gratwanderung darstelle und ein Abwägen zwischen den Rechten, derjenigen, die schon da sind und der Rechten, derjenigen, die auch da sein möchten (ein von Dani Vischer geklauter Satz übrigens). Das wurde in keiner Weise bestritten.
Die Fachtagung wurde nicht als PC-Event lanciert sondern als Plattform, um eine Auslegeordnung zu erstellen und um über Lösungsansätze zu debattieren. Das Papierchen von Gilli & Girod hat weder das eine noch das andere vorangebracht.
Über den Bruderzwist bei den Grünen kann ich wirklich nur lachen. Ebenso über die Aussage, dass nun in Sachen Migration Diskussionsbedarf bestünde. Es gäbe zu diesem Thema eigentlich schon seit 20 Jahren Diskusionsbedarf. Aber eine späte Einsicht ist immer noch besser als gar keine. Die Lösungsansätze der Grünen zu Migration sind aber wieder ein anderes Kapitel.
Aber Hauptsache man kann die SVP wegen diesem Tabu 20 Jahre lang in die Pfanne hauen. Die Grünen werden so jedenfalls nicht glaubwürdiger mit dieser 180° Wendung. Da wählt man doch lieber das Original wenn es um Ausländerfragen geht.
Vielleicht hat Girod endlich auch erkannt, dass er als Einthemenpolitiker nicht weiter kommt. Deswegen musste dieser ein neues Feld bearbeiten. Womöglich wurde Girod noch von Lukas Reimann positiv beeinflusst:)
Aber Odin, das ist doch keine Wende. “Alter Wein in neuen Schläuchen”, schreibt Andreas passend. Neu ist nur der populistische Ansatz, den die beiden gewählt haben. Und den haben sie schliesslich bei Euch gelernt.
Danke Andreas. Guter Beitrag.
So ein Quatsch aber auch, dass ist doch eine Wende bei der GP, wenn Grüne etwas propagieren, was diese zurvor noch nie propagiert haben. Es geht nicht um die neuen Schläuche, es geht um die neuen Thematisierer die dazu gekommen sind.
“Die Homöopathin Yvonne Gilli”
“Den beiden schien ein Tag Knochenarbeit aber wohl zu anstrengend und die interne Debatte als Plattform zu wenig sexy.”
Immer schön auf den Mann (in diesem Fall auch die Frau) spielen. Das ist so richtig toll.
Es ist eine Lehrstunde von geschickter Medienarbeit, die Girod da vorführt. Die Grünen können davon sicher profitieren. Mit Fachtagungen kommt man leider nicht auf die Frontseiten und in den Arena-Ring. Inhaltlich wird wohl aber nicht viel dabei rausschauen, war aber wohl auch nicht die Intention. Für den Journalismus ist die Geschichte eher peinlich – er produziert Relevanz heute selber.
@Matthias
Ich habe die Berufsbezeichnung gewählt, mit der Yvonne Gilli selbst wirbt. Ich finde es durchaus von Belang, dass sich keine der beiden bisher politisch oder beruflich mit dem Thema hervorgetan hat. Ich kritisiere das Verhalten der beiden.
@David
Für die Grünen als Partei sind bisher vor allem Kollateralschäden erkennbar. Wie die interne Diskussion bei den Ostschweizer Grünen nun läuft, weiss ich nicht, in Zürich hält sich die Begeisterung über die erreichte mediale Aufmerksamkeit in Grenzen, um es mal zurückhaltend auszudrücken.
Die richtige Antwort auf das sehr dürftige “Papierchen” von Girod! Danke!
Übrigens:
Ich wollte Hr. Girod betreffend seinem Papierchen ein paar Verständnisfragen stellen, zum Beispiel zu den Begriffen “Lohndumping” (hat Girod den Preismechanismus verstanden?) und zur Steuerharmonisierung.
Wurde natürlich nicht publiziert, da kritische Fragen nicht erwünscht sind. Girod publiziert nur Jubelkommentare, sein Ego hat das anscheinend nötig. Was einmal mehr bestätigt: Es geht ihm nicht um inhaltliche Diskussionen, sondern nur darum, sich selbst in Übergrösse darzustellen. Der Milchbart erinnert mich irgendwie an den Frosch aud La Fontaines Fabel….
“Kyriacou stänkert”, heisst’s im Tagi von heute. Das trifft’s eigentlich nicht ganz. Ich bin froh diese Kritik hier zu lesen. Ich dachte schon, ich müsse an den Grünen zweifeln und womöglich künftig anders wählen. Ich mag Ihren Jungspunt Girod ja, aber hin und wieder müsste er seine Ideen erst mal im kleinen Kreis besprechen…
Mist, “Tagi von gestern” hätte es inzwischen heissen sollen. Tschuldigung.
Kurzfassung ihres Artikels: Man kehre es nicht unter den Tepich, doch darüber gerdet wird trotzdem nicht und wer’s doch tut, den stellt man gewohnt gekonnt in die braune Ecke.
@Beatrix Nizza
Welcher Artikel? Andreas Kyriacou zeigt doch bloß, dass die alten Erklärungen auch dann nicht besser klingen, wenn sie von links kommen.
[...] Der Publicity stunt ist Bastien Girod und Yvonne Gilli vollends gelungen. Allenthalben wird nun über die scheinbare Tatsache diskutiert, dass die Zuwanderung ein wesentlicher Grund für die zunehmende Zersiedelung der Schweiz sei. Zwar wird debattiert, ob es politisch korrekt oder gar notwendig sei, den postulierten Zusammenhang von links aufzugreifen. Inhaltlich überprüft wird die Behauptung erstaunlicherweise jedoch nicht, auch nicht von Medienschaffenden. [...]