«Just be good for goodness’ sake» – eine säkulare (Nach-)Weihnachtsbotschaft

Plakat der American Humanist Association
Die American Humanist Association gewann mit ihrem Sujet «just be good for goodness’ sake» das Weltanschauungs-Casting dieses Blogs. Die Teilnehmenden – es waren deutlich weniger als beim vergangenen Polit-Casting – bewerteten damit das Plakat, das dazu aufrief, Gutes zu tun etwas höher als dasjenige mit dem Slogan «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg Dich nicht. Geniess das Leben», das auch als rein hedonistische Verlautbarung gedeutet werden kann.
Ein knapper Slogan stellt selbstredend noch kein ethisches Gerüst dar. Wie ein solches aus säkularer Sicht aussehen könnte, versuchte Michael-Schmidt-Salomon im Jahr 2005 in seinem Manifest des Evolutionären Humanismus aufzuzeigen. Er formulierte darin zehn Angebote. Im Gegensatz zu den biblischen zehn Geboten sind sie gleich doppelt unverbindlich: Sie sind bewusst als Angebote formuliert. Und sie nehmen nicht für sich in Anspruch, unfehlbar und ewig gültig zu sein – ganz im Gegenteil, Punkt sieben besagt «Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher!».
- Diene weder fremden noch heimischen „Göttern“, sondern dem großen Ideal der Ethik, das Leid in der Welt zu mindern!
- Verhalte dich fair gegenüber deinem Nächsten und deinem Fernsten!
- Habe keine Angst vor Autoritäten, sondern den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
- Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!
- Befreie dich von der Unart des Moralisierens! Trage dazu bei, dass die katastrophalen Bedingungen aufgehoben werden, unter denen Menschen heute verkümmern, und du wirst erstaunt sein, von welch freundlicher, kreativer und liebenswerter Seite sich die vermeintliche „Bestie“ Homo sapiens zeigen kann.
- Immunisiere dich nicht gegen Kritik! Ehrliche Kritik ist ein Geschenk, das du nicht abweisen solltest.
- Sei dir deiner Sache nicht allzu sicher! Zweifle aber auch am Zweifel! Selbst wenn unser Wissen stets begrenzt und vorläufig ist, solltest du entschieden für das eintreten, von dem du überzeugt bist. Sei dabei aber jederzeit offen für bessere Argumente, denn nur so wird es dir gelingen, den schmalen Grat jenseits von Dogmatismus und Beliebigkeit zu meistern.
- Überwinde die Neigung zur Traditionsblindheit, indem du dich gründlich nach allen Seiten hin informierst, bevor du eine Entscheidung triffst!
- Genieße dein Leben, denn dir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben!
- Stelle dein Leben in den Dienst einer „größeren Sache“, werde Teil der Tradition derer, die die Welt zu einem besseren, lebenswerteren Ort machen woll(t)en! Eine solche Haltung ist nicht nur ethisch vernünftig, sondern auch das beste Rezept für eine sinnerfüllte Existenz.
Ich gebe sie hier auch deshalb wieder, weil auf NZZVotum an den Feiertagen und übers Wochenende keine Kommentare angebracht werden können, das Bedürfnis dazu aber gemäss Mail-Zuschriften sehr wohl vorhanden ist.












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Würd ich schon fast unterschreiben. Einzig das Tötungsverbot tät ich verabsolutieren, begründet mit Angebot 7: Du kannst/sollst nie sicher sein, ob Du auf der richtigen Seite stehst.
Und in meiner persönlichen Ethik säh ich auch keine Notwendigkeit, ein Religionsverbot an die erste Stelle stellen, weil mir das nicht relevant genug erscheint.
Aber im allgemeinen scheint mir das doch recht plausibel. Mein Leben werde ich jedenfalls nicht ändern müssen, um dieser Ethik zu genügen.
@Andi W: Es sind ja Angebote, das heisst, Du musst sie nicht exakt so befolgen. Damit lässt sich aus der Nr. 1 auch kein Religionsverbot ableiten. Dass dieses Postulat den Spitzenplatz einnimmt, ist wohl nur aufgrund der schlechten Vorlage, derer sich Michael Schmidt-Salomon bedient hatte, zu erklären. Eigentlich gehört es tatsächlich eher unter «ferner liefen».
Hm, nach meinem Verständnis geht es in der Ethik um die Frage, was erlaubt und was verboten ist, resp. sein soll. Und nicht darum, das Leid in der Welt zu mindern.
Des weiteren ist Punkt 4 höchst merkwürdig. Lug, Betrug, Raub und Mord in einem (An)Gebot zusammengefasst. Und im Notfall darf man töten und stehlen? Morden und rauben? Eine Ethik, die Verbrechen relativiert, ist mir doch recht suspekt.
(Was sind eigentlich die Ideale der Humanität?)
Zu Punkt 10: “The Greater Good” “Das Volkswohl” “Die grössere Sache” – Ich hoffe doch, Schmidt-Salomon ist sich der Geschichte und der problematischen Verwendung dieser Begriffe bewusst.
(Dazu setzt er hier wieder Ethik mit Utilitarismus gleich. Enttäuschend. Ebenso verkennt er, dass viele, die nie einer “grösseren Sache” dienen, sondern bloss reich werden wollten, einen viel grösseren Beitrag zur Verbesserung der Welt und den menschlichen Lebensbedingungen geleistet haben, als viele selbsternannte Altruisten.)
Ansonsten sind’s ein paar wirklich gute Punkte.
ANGEBOTE, ja, genau das sind die 10 WORTE. Du sollst … steht nirgends im Text. 10 Gebote ist eine unzutreffende Bezeichnung des Originaltextes. Aber es steht dort auch nicht “es sei denn … “.
Es steht dort schlicht: NICHT (z.B.) morde [sic.]. Töten ist etwas ganz anderes – “es sei denn”.
Das 4. Angebot: “Du sollst nicht lügen, betrügen, stehlen, töten – es sei denn, es gibt im Notfall keine anderen Möglichkeiten, die Ideale der Humanität durchzusetzen!” ist textlich religiös behaftet und müsset, frei gedacht m.E. nochmals zurück in die Redaktion. Als Vorschlag: Nicht lügen, betrügen, stehlen, töten, morden. Bedenke die Folge! …
X-Mas wishes
Thomas
Ergänzung zu Punkt 4 wäre ein erstrebenswertes Ziel:
… ernähre dich von gewaltloser Nahrung, denn das Töten von Tieren ist unnötig.
Rein pflanzliche Nahrung ist gesünder, ökologischer, ökonomischer und ethisch
vorbildlich.
Ergänzung zu Punkt 4 wäre noch: Iss Fleisch von Tieren mit Freude, denn so werden die Tiere weiter gehegt und gezüchtet und fallen nicht dem Aussterben anheim.
Punkt 1 finde ich durchaus richtig an 1. Stelle. Da geht es meines Erachtens auch um die Freie Rede, die eben einschliesst, dass man ungestraft darauf hinweisen kann, dass es nicht Elfen oder Götter sind, die unsere Ethik bestimmen, sondern wir, als Gesamtheit der Gesellschaft.
Das bindet uns übrigens mehr in die Veranwortung ein als Gesetze von einem Wesen da oben, und nimmt ausserdem auch den Hohepriestern die Macht über unser Denken weg.
Grundsätzlich habe ich Mühe mit Geboten, nicht, weil ich mich nicht daran halten kann oder will, sondern weil es für mich ein Armutszeugnis sondergleichen ist, dass es Gebote wie du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht betrügen, etc. geben muss. Dass ich weder stehle, töte, betrüge noch sonst gegen Leib, Leben und Vermögen anderer handle, ist für mich so selbstverständlich wie mein Atmen.
Den in Punkt 4 vorgesehenen Notfall zur Durchsetzung der Ideale der Humanität erachte ich als höchst fragwürdig und sehr gefährlich. Denn wer legt die Ideale der Humanität fest? Was ist überhaupt darunter zu verstehen?
Priska J.
Würden Sie sich abstechen lassen? Würden Sie einen Hitler gewähren lassen, wenn er Ihr Land überfällt? Ich denke es gibt durchaus seltene, aber eindeutige Fälle, und um die geht es.
@PlainCitizen:
Aber in diesen Angeboten steht nichts von “zulässig in Selbstwehr”, sondern “zum Durchsetzen der Ideale der Humanität”, ein sehr vager und nicht wirklich definierter Begriff.
Dazu ist Diebstahl per definitionem nicht Selbstwehr, sondern initiierte Gewalt. Aber scheinbar ist auch Diebstahl ab und an in Ordnung.
Ein interessanter Ansatz, diese Angebote. Erwähnenswert ist, dass es sich hier um eine Kurzfassung der 10 Angebote handelt. Unter http://www.giordano-bruno-stiftung.de/human/manangebote.htm ist auch die Originalfassung lesenswert, die etwa Punkt 4 plausibel ausführt und erläutert.