Rituelle Beschneidung bei Männern enttabuisieren

Bildquelle: mandatorycircumcision.blogspot.com
Die Grünen Schweiz diskutieren heute Samstag ein Positionspapier zur Geschlechterpolitik. Wahrscheinlichstes Szenario ist, dass der Entwurf zur Überarbeitung zurückgewiesen wird. Bemängelt wird insbesondere das Fehlen einer adäquaten Gewichtung der Themen und Forderungen wie auch einer Würdigung des Erreichten bei der Gleichstellungspolitik.
Der Entwurf wurde bisher offiziell nur den Delegierten zugestellt, dennoch schaffte er es bereits in die Medien – wohl vor allem wegen einer eher nebensächlichen Forderung: «Die Beschneidung von Knaben muss offen diskutiert werden.» Dem Tages-Anzeiger zumindest war dieser kurze Satz eine Schlagzeile wert. Und er berichtete vom schnell aufkommenden internen Widerstand, diese Diskussion tatsächlich zu führen. Pflichtbewusst holte er eine Stellungnahme vom Schweizerischen Israelitische Gemeindebund (SIG) ein. Und die klang so:
«Rechtlich sehen die Juden in der traditionellen Brit Mila (Beschneidung) ein zentrales Element ihrer Religionsfreiheit». Mit Verlaub: Können die SIG-Wortführer tatsächlich nur mit einem Blick zwischen die Beine erkennen, wer ein würdiges Mitglied ihrer Religionsgemeinschaft ist? Weiter im SIG-Text: «Jeder Versuch, die von der jüdischen oder muslimischen Religion praktizierte Zirkumzision einzuschränken, wäre ein Eingriff in das Recht auf die freie Religionsausübung.»
Selbstverständlich wäre das ein Eingriff in die freie Religionsausübung – diese gilt aber allgemein nicht unbeschränkt. Glücklicherweise herrscht in der Schweiz weitgehende Einigkeit, dass die Beschneidung von Mädchen klar verboten sein und bleiben muss, religiöse Befindlichkeiten hin oder her. Selbstredend ist die Verstümmelung von Mädchen ein weitaus folgenschwererer Eingriff als die Knabenbeschneidung. Dennoch stellt beides einen Eingriff in die körperliche Integrität dar. Und es ist sehr wohl zu hinterfragen, wieso religiöse Praktiken Eingriffe rechtfertigen sollen, die aus medizinischen Gründen bei den allermeisten Knaben nicht angezeigt sind. Wohl wird gelegentlich mit gesundheitlichen Vorteilen für die Beschneidung geworben. Die Beweislage ist aber äusserst dürftig. Es gibt eine Vielzahl an Gruppenstudien, bei denen Gesundheitsrisiken und sexuelle Empfindsamkeit untersucht wurden. Ein klarer Trend lässt sich aus all den Untersuchungen nicht herauslesen – Es lässt sich weder erhärten, dass die Beschneidung noch der Verzicht darauf signifikante Vorteile mit sich bringt. Eines aber lässt sich nicht ausblenden: Die Beschneidung selbst ist durchaus mit Risiken behaftet, Schweden hat – als Reaktion auf einige Todesfälle – die Beschneidung von Knaben verboten, sofern sie nicht aus spezifischen medizinischen Gründen angezeigt ist.
Diego Hättenschwiler, der als «Quotenmann» am Geschlechterpapier mitgearbeitet und den Vorschlag eingebracht hat, hält angesichts der Stimmungslage nicht am Vorschlag fest, bedauert aber, dass keine offene Diskussion möglich sei, sobald man es mit der Religionsfreiheit zu tun habe. Die jüdische Wochenzeitung «tachles» stellt dies in einem sehr differenzierten Artikel als «Ende eines zaghaften Versuchs einer Menschenrechtsdebatte» dar.




















Immer wieder erstaunlich, dass die Religionsfreiheit Erwachsener die Verfügung über die Geschlechtsorgane von Kindern mit sich bringen soll…
Weder rechtertigt die Religionsfreiheit noch das Erziehungsrecht einen solchen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, siehe
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=61273
und
http://www.holmputzke.de/index.php?option=com_content&view=article&id=23&Itemid=29
Aber das ist doch jetzt wirklich lächerlich: Sollen wir den Appenzellern verbieten, ihren Kindern Orstecker zu schiessen, weil das eine Infektionsgefahr beinhaltet?
Man kann für eine Buben-Beschneidung Mindest-Kriterien festsetzen, man kann eine medizinische Ausbildung fordern, aber man kann sie doch nicht mit der Verstümmelung von Mädchen gleichsetzen. Als ob es keine wichtigeren Themen gäbe. Hüstel – Klimaproblem – Hüstel.
@Michael: Eine «offen Diskussion» muss ja nicht gleich zu Verbotsforderungen führen. Und auch Diego Hättenschwiler will die Beschneidung bei Jungen sicher nicht in die Nähe der Mädchenverstümmelung rücken, das wurde aus dem Entwurf klar.
In Sachen Prioritätensetzung gehe ich völlig mit Dir einig, nur war es ein (durchaus wohl überlegter) Beschluss einer früheren DV, ein «Geschlechterpapier» zu erstellen. Was es heute nicht gebraucht hätte, war eine einstündige Diskussion darüber, ob die Grünen dreissig Stellenprozente fix für Gleichstellungsfragen reservieren sollen. Die Klimapolitik kommt real zwar in den Genuss von deutlich mehr Ressourcen, statutarisch verbrieft ist aber kein einziges Prozent. Immerhin, dank der Erhöhung der Fraktionsbeiträge des Bundes können wohl sogar die Grünen in absehbarer Zeit noch andere FachsekretärInnen-Rollen als Gendermainstreamess definieren.
Vom Selbstverständniss ist ein Verbot der rituellen Beschneidung im Judentum in etwa gleichzusetzen mit einem Verbot einer rituellen Taufe bei den Christen, da würde es wirklich ans Eingemachte geben.
Angesichts dieser Wichtigkeit ist eine Abwägung hinsichtlich körperlicher Integrität und nicht zu vergessen dem Recht der Eltern ihre Kinder in ihrem Sinne, auch religiösen Sinne, zu erziehen nicht ganz so einfach und banal.
Abgsehen davon gibt es bereits einige an Schutznormen die die Beschneidungen der Jungs regulieren, (nur Ausgebildete, nur innerhalb einer gewissen Zeit).
Kinder gehören nicht ihren Eltern und der Staat hat die körperliche Unversehrtheit und Chancengleichheit zu garantieren.
Dem religiösem Wahn, auch wenn er jahrtausende alt ist, darf in unserer Gesellschaft nichts geopfert werden, nicht einmal die Vorhaut.
@Mauerhofer
Persönlich glaub ich ja nicht, dass es im Sinne der Aufklärung ist eine religiöse Vorstellung durch eine Ideologie zu ersetzen – aber gerne zu ihren Argumenten.
Zur Frage “Eltern gehören”: selbstverständlich gehören Kinder nicht ihren Eltern – aber sie haben letzendlich innerhalb der Gesetze die Erziehunghohheit – sei es innerhalb einer Religion (wozu ich gerne auch den Atheismus zähle) oder zu sonstwas (Vegitarier, Heimatliebende… oder welche Werte es sonst noch gibt).
Chancengleichheit? – Religiös erzogene Kinder sollen unter chancenungleichheit leiden? (das müssten Sie allerding noch ein wenig erleutern)
Unversehrheit? .. ja, mit allem was dazugehört – und für einen religiösen Juden/Muslim oder wo es sonst noch Beschneidung gibt gehört gerade die Beschneidung zur Unversehrheit dazu. Unversehrheit ist eine kulturelle Definitionssache. Wollen sie darin die Definitionshoheit?
Unsere Gesellschaft dem Religionswahnsinn? .. gehört eher zur Ideologie und Sie erlauben mir sicherlich das unkommentiert zu lassen.
@Mara
Die rituelle Bedeutung ist wohl wirklich vergleichbar, das Ausmass an Fremdbestimmung über das Kind hingegen kaum. Ich geb’ freimütig zu, ich kann nicht wirklich nachvollziehen, dass man einem Glaubensgenossen zwischen die Beine schauen muss, um zu entscheiden, ob man ein würdiges Mitglied der eigenen Religionsgemeinschaft vor sich hat. Weder Judentum noch Islam sind ja derart sinnentleert, dass die Gruppenzugehörigkeit nicht auch anderweitig unter Beweis gestellt werden könnte. Deshalb erscheint mir auch der Verweis auf das Recht der Eltern auf religiöse Erziehung ein gar dünner Strohhalm.
Es ist ja auch keine Frage von Gruppensignal – eben kein! schau mir zwischen die Beine und ich sage dir…
Sondern ein Gebot. Eine Jude ist auch Jude wenn er nicht beschnitten ist – aber die Beschneidung gehört als “Zeichen des Bundes mit Gott” ganz oben auf der Geboteliste. – und ist somit tief verankert im Bewusstsein.
By the way geschehen die meisten Beschneidungen in den USA heute aus medizinischen/hygienischen Gründen.
Die Empörung über die Fremdbestimmung der Kinder kann ich nicht ganz nachvollziehen. Eltern bestimmen in den ersten Lebensjahren immer über die Kinder, sei es bei Impfungen, bei Krankheitsbehandlungen, bei Schulbesuchen etc. Entscheidungen die in der Frage des Einflusses für die Zukunft etc ein sehr viel grösseren Einfluss haben. Zugegebenermassen ist mir noch kein erwachsener Mann begegnet, der die Beschneidung in seiner Kindheit bereut hat.
Ich staune sehr, mit welchen Fragen die Grünen sich auch noch beschäftigen – gibt es nicht genug zu tun im Bezug auf die Kernthemen? Die Beschneidung (der Knaben)gehört, seit weit über 2000 Jahren, zum absoluten Selbstverständnis und zu den Grundlagen des religiösen, aber heute auch des säkularen Judentums, (Wie es sich im Islam verhält weiss ich nicht). Es ist nicht an uns, darüber zu urteilen, auch für Atheisten, Agnostiker etc. gilt es, dies zu respektieren. Die Beschneidung wurde z.T. unter den Römern, im christlichen Mittelalter, unter Stalin und Hitler verboten, bestraft, verfolgt etc. Wenn sich heute bei uns ‘fortschrittliche’ Kräfte, z.B. Grüne mit solchen Themen befassen sollte sie sich doch zuerst kundig machen, ein bisschen Horizonterweiterung würde auch hier nicht schaden.
[...] den Einfluss der Beschneidung des Mannes auf den weiblichen, wie auch den männlichen Orgasmus sind verschiedene Meinungen im Umlauf. Jüdinnen sollen den beschnittenen Penis sowohl als ästehtischer als auch [...]
Ich bin seit meiner Geburt beschnitten worden und ich bin damit sehr unzufrieden. Ich kann schlecht selbstbefriedigen und ich habe das gefühl dass die Beschneidung mein Nervensystem und Gefühle geschädigt hat(innerliche Unruhe,Drang,usw.)Zu meiner Mutter die die Beschneidung aus “Mode” machen liess habe ich kein Kontakt mehr und meine Wut zu Ihr wächst immer mehr. Keine Zeitschrift, kein Pornofilm oder Religion hat darüber zu entscheiden was mit meinem eigenen Geschlechtsteil oder das von anderen Minderjährigen zu tun ist.Es ist tragisch immer wieder zu sehen wie Personen oder Gruppen die Beschneidung verharmlosen wollen und sogar als Gesund argumentieren.Viele Menschen die unglücklich mit ihrer Beschneidung sind schweigen oft für immer weil sie sich schämen oder Angst haben ausgelacht zu werden oder als Psychisch krank bezeichnet zu werden.Die Menschheit muss aufgeklärt werden dass Beschneidungen an den Genitalien Minderjährigen nicht die Zukunkft sein kann.
@Mara
By the way nimmt die Beschneidung an Babys in den USA seit mehreren Jahren ständig ab. Viele Menschen sind unzufrieden mit ihrer Beschneidung und Eltern werden heute besser aufgeklärt über die unnötige Beschneidung und ihre Auswirkungen auf das spätere Sexsualleben des Kindes.