3. Januar 2012 11:37

Stradivari vs neue Geigen: Wieso es mehr Doppelblindtests braucht

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Stradivari (Bild: Håkan Svensson/wikipedia)

Stradivari (Bild: Håkan Svensson/wikipedia)

Seit gestern macht eine bemerkenswerte Untersuchung die Runde: Ein Forscherteam um die Pariser Akustikerin Claudia Fritz fand heraus, dass Profigeiger in einer Doppelblind-Versuchsanordnung eine Stradivari nicht von Geigen neuer Bauart unterscheiden können und letzteren sogar den Vorzug geben.

Leider ist der Fachartikel bei PNAS noch nicht online verfügbar, einige Details der Versuchsanordnung können deshalb noch nicht nachgelesen werden. So wie z.B. im Blog Not Exactly Rocket Science berichtet wird, dürfte die Studie aber methodisch einwandfrei sein. An einem hochrangigen, internationalen Geigerwettbewerb überzeugten die Forscher sechs teilnehmende Violinisten, ihre Instrumente für ein Experiment zur Verfügung zu stellen – drei moderne Geigen sowie zwei Stradivari und eine Guarneri. Letztere haben zusammen einen Marktwert von über zehn Millionen US Dollar, mehr als hundert mal so viel wie die drei jungen Geigen.

Im Labor liessen sie dann 21 Berufsmusiker diese sechs Instrumente spielen und bewerten. Der Versuchsraum war nur knapp beleuchtet und die Versuchsteilnehmer trugen Schutzbrillen, die ihre Sicht einschränkten. Das Kinnstück aller Geigen wurde mit einem Tupfer Parfum versehen, um zu verhindern, dass die Geiger von ihrem Geruchssinn beeinflusst würden.

In einer ersten Versuchsanordnung wurden den Musikern Geigen paarweise von Assistenten ausgehändigt, die hinter einer Abschirmung standen, ebenfalls Schutzbrillen trugen und selbst nicht wussten, welche Instrumente ihnen von den Forschern überreicht wurden – eine klassische Doppelblindanordnung, bei der weder die Versuchsteilnehmer noch diejenigen Personen, welche die Anweisungen geben beziehungsweise den zu untersuchenden Gegenstand «verabreichen», wissen, wann was getestet wird. Die Musiker durften jedes Mal die beiden Instrumente je eine Minute lang spielen und mussten dann angeben, welchem Instrument sie den Vorzug gaben. Was sie nicht wussten: sie bekamen jeweils ein antikes und ein neues Instrument zusammen ausgehändigt.

In einer zweiten Versuchsanordnung wurden alle sechs Instrumente in zufälliger Reihenfolge ausgebreitet und die Teilnehmer durften insgesamt 20 Minuten darauf spielen und die sechs Geigen nach Klangfarbe, Ansprache, Spielbarkeit und Tragfähigkeit bewerten. Ausserdem konnten sie angeben, welches der sechs Instrumente sie am liebsten nach Hause nehmen würden.

Die Ergebnisse waren frappant: Beim ersten Test gaben die Teilnehmer insgesamt ebenso oft einem neuen Instrument den Vorzug wie einem alten. Es gab nur einen Ausreisser: Eine der beiden Stradivari wurde überzufällig selten ausgewählt. Diese kam auch beim zweiten Test am schlechtesten weg. Am meisten Zuspruch erhielt eine der drei neuen Geigen. Insgesamt wollten nur 8 der 21 Teilnehmer (38%) eines der alten Instrumente mit nach Hause nehmen.

Wichtigkeit der Doppelblindstudien

Die Studie zeigt exemplarisch, wie wichtig Doppelblindstudien sind. Man stelle sich vor, die alten Geigen wären ein neues Medikament. Die neuen Geigen wären die Kontrollsubstanz (ein bestehendes Präparat oder ein Placebo). Es zeigte sich klar, dass das neue Medikament nicht signifikant besser war als das Kontrollpräparat – im Gegenteil.

Es scheint bei einer Stradivari wie bei einem Homöopathikum der Fall zu sein, dass nicht das «Präparat» selbst sondern der Glaube an dessen Wirkung den Unterschied ausmacht.

Für einen Berufsmusiker mag es nachvollziehbare Gründe geben, auf eine Stradivari zu setzen: Er weiss vielleicht, in wessen Händen sie früher war, an welchen Konzerten sie schon zum Einsatz gekommen war oder welche Aufnahmen mit ihr gemacht wurden. Solche nostalgische und persönliche Gründe mögen den Erwerb und den Einsatz rechtfertigen, auch wenn sich die erhoffte spezifische Wirkung (b.B. bessere Klangfarbe) als Mythos entpuppt.

In der Medizin kann aber der Glaube an eine nicht gegebene spezifische Wirkung zu fatalen Fehlschlüssen führen. Es reicht deshalb nicht, die Wirksamkeit eines Präparats über Kundenzufriedenheitsbefragungen zu ermitteln, etwas worauf insbesondere Alternativ«mediziner» immer wieder mit Verbissenheit bestehen.

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Ein Kommentar »

  • Benny Mohr meint:

    Lieber Andreas,

    Ich bin einmal mehr verblüfft, wie du von einer Stradivari auf die Homöopathie schliesst. Frei nach dem Motto: Die Stradivari ist wissenschaftlich gemessen nicht besser als eine normale Geige und würde man die gleichen Tests mit Homöopathie machen, so gäbe es keine Fehlbehandlungen mit Kügelchen.

    Dabei wurde im Versuch lediglich festgestellt, dass 21 Musiker unter erschwerten Bedingungen (Schweisserbrille, Parfüm in der Nase, kaum Zeit, Stresssituation durch den Test) die alten Geigen nicht von den neuen unterscheiden konnten. Daraus schon zu schliessen, dass die Stradivaris nur Placebomässig besser sind, ist wohl kaum wissenschaftlich – gibt aber tolle Schlagzeilen.

    Ginge es hier wirklich um Medikamente, so wäre die Studie von Stradivari in Auftrag gegeben worden. Die eine signifikant schlechtere Geige wäre durch ein besseres Modell ersetzt worden. Statt 21 Musiker wären plötzlich nur noch die 16 besten Probanden in die Studie eingeflossen und oh Wunder wäre als Ergebnis ein deutliches Votum für den Auftraggeber rausgekommen. So geht das.

    Benny

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