14. Februar 2012 17:03

Leichenschau zum Valentinstag

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Der Totenkult ist bekanntlich unverzichtbarer Bestandteil des Katholizismus. Gehuldigt wird nicht nur dem scheint’s wieder Auferstandenen sondern auch einer grossen Zahl von ehemaligen treuen Dienern der ehrenwerten Glaubensgemeinschaft. So auch dem Valentin aus dem Mittelitalienischen Terni, der angeblich – kurz bevor seine Körperlänge amtlich um geschätzte 25 Zentimeter reduziert wurde – einer blinden Schülerin, die ihm von deren Vater anvertraut worden war, ein Briefchen verschickt hatte, worauf sie plötzlich sehen konnte. Zuvor soll dieser Valentin entgegen den römischen Vorschriften Pärchen vermählt und ihnen während der Zeremonie Blumen aus seinem eigenen Garten geschenkt haben.

Die Beweislage für diese Geschichtchen ist dünn, aber Langzeitwirkungen des resultierenden Valentinkults, bei dem vermutlich über die Zeit die angeblichen oder echten Biografien mehrerer Valentins miteinander verwoben wurden, sind bekannt: für Schreibwaren-, Blumen- und Schokoladenhändler ist der 14. Februar fast wie Weihnachten.

Zumindest das Blumenschenken hatte wohl ein römisches Vorbild: Am selben Kalendertag wurde der damaligen Chefgöttin Juno gehuldigt. Dennoch ist die gewerbliche Marketingmaschinerie eine vergleichsweise neuzeitliche Erscheinung. Deutlich älter ist die Stimulierung des kircheneigenen Reliquienhandels. Beschränkten sich die Römer noch darauf, den mutmasslichen Original-Valentin auf Halshöhe zweizuteilen, zerlegten später Päpste und andere Gebeineverwalter dessen sterblichen Überreste (oder was dafür ausgegeben wurde) in weitaus mehr Einzelteile und beschenkten so Aussenstellen in ganz Europa. Aus aktuellem Anlass eine kleine Leichenschau (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Den ganzen Valentin hat nach eigenen Angaben das schwäbische Krumbach zu bieten, die Reliquie war ein Geschenk eines venezianischen Adligen aus dem Jahr 1735.
  • Auch das südfranzösische Roquemaure hat den ganzen Valentin im Angebot – seit 1868.
  • Ebenfalls seit 1868 hat auch die Kirche John Duns Scotus in Glasgow einen eigenen, vollständigen Valentin.
  • Der Wiener Stephansdom hat nennt seine Reliquienabstellkammer Valentinskapelle, natürlich benannt nach den Gebeinen des berühmtesten Dauergastes darin. Und selbstredend: Auch dieser Valentin liegt unversehrt und vollständig.
  • Die Dubliner Karmelitenkirche macht geltend, dass sie seit 1836 massgebliche Teile der Gebeine Valentins besitzt, ebenso ein durch sein Blut gefärbtes kleines Gefäss.
  • Die Basilica Santa Maria in Cosmedin in Rom behauptet, den Valentinischen Schädel ihr Eigentum nennen zu können.
  • Die St. Valentinskirche im Deutschen Kiedrich soll die Wirbelsäule lagern – und ebenfalls Schädelteile, die früher im 60km entfernten Worms aufbewahrt wurden. Ein paar Knochensplitter haben die Wormser 1875 zurückerhalten.
  • In Prag will man 2002 ein Schulterblatt wieder entdeckt haben, das im 17. oder 18. Jahrhundert dorthin gebracht worden sein soll.
  • Das polnische Chełmno ist stolz auf immerhin zwei valentinische Finger.

Natürlich sind die Reliquien alle zweifelsfrei echt. Man muss nur genug daran glauben.

Happy Valentine, allerseits!

NB: Auch Passau (nicht auf der Karte abgebildet) hat Überreste eines Valentin im Angebot. Aber bei dem soll es sich um denjenigen handeln, der Valentin von Rätien genannt wurde.

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