21. Februar 2012 14:49

Urs Brosi auf ZüriPlus: katholisches Hadern mit dem (Staats-)Kirchenrecht

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Claudia Steinmann und Urs Brosi (Bild: ZüriPlus)

Claudia Steinmann und Urs Brosi (Bild: ZüriPlus)

Hat das Staatskirchenrecht eine Zukunft? Zu dieser Frage interviewte die ZüriPlus-Moderatorin Claudia Steinmann Urs Brosi, der als Dozent für Kirchen- und Staatskirchenrecht an der Uni Luzern sowie als Generalsekretär und Geschäftsführer der katholischen Kirche Thurgau tätig ist. Eine kurze Rückschau.

Ausgehend vom Fall des katholischen Pfarrers Franz Sabo, der im baselländischen Röschenz tätig gewesen war und durch den zuständigen Bischof wegen kirchenkritischen Äusserungen abgesetzt, vom Kirchgemeinderat jedoch gestützt wurde, thematisierte Steinmann die Spannungen zwischen Kirche und Staat: die innerkirchliche Auseinandersetzung endete vor dem Baselbieter Kantonsgericht, welches die Amtsenthebung Sabos als widerrechtlich taxierte, da diesem das rechtliche Gehör verweigert worden sei. Das Urteil veranschaulichte die grundsätzliche Inkompatibilität zwischen zwei Systemen: Die katholische Kirche funktioniert hierarchisch von oben nach unten, die über das Staatskirchenrecht1 legitimierten Kirchgemeinden eher von unten nach oben.

Brosi erinnerte daran, dass im Röschenzer Konfliktfall der damalige Bischof Kurz Koch argumentiert hatte, der Konflikt sei nur des Staatskirchenrechts wegen eskaliert, da dieses in kirchliche Verfahren eingreife. Er ist nicht der einzige konservative Kirchenvertreter, der das Staatskirchenrecht am liebsten vom Tisch hätte – in der Hoffnung, so das kirchliche Parallelsystem in reiner Lehre ausleben zu können.

Bezüglich der eigenen Haltung wand sich Brosi, er scheint ideell mit dem von Rom gesteuerten Top-down-System  zu sympathieren, sieht aber als wohl durchaus integrer Staatsrechtler ein, dass es dafür keine Rechtfertigung mehr gibt. Er gab zu, dass wesentliche Teile des kanonischen Rechts, beispielsweise das Scheidungsverbot oder das Priesterverbot für Frauen, heute kaum mehr verstanden würden, und dass die fehlende Gewaltentrennung innerhalb der Kirche ein erhebliches Problem darstelle. Es berge beispielsweise gerade bei Missbrauchsfällen die Gefahr, dass ein Bischof sich einem angeklagten Mitarbeiter näher fühle als dem Opfer. Er gab zu, dass das Kirchenrecht als aus weltlicher Sicht bloss auf Zusehen hin toleriert erscheine.

Das sind gute Ansätze, wenn zumindest die eigenen Fachleute erkennen, wohin der Zug fährt: Zum klaren Primat des weltlichen Rechts. Amüsant in diesem Zusammenhang ist, dass Urs Brosi die eine Berufsgruppe ausdrücklich nannte, die ebenso Angehörige aufweist, die Abkehr von der offiziellen Doktrin genommen haben: die von Urs Brosi genannten «professionellen Atheisten», die Bischöfe und Priester, die in ihrer Rolle noch funktionieren, ihren Glauben aber (wohl nicht zuletzt wegen ihrer Berufserfahrungen) längst verloren haben.

Claudia Steinmann hat meiner Meinung nach ihren Job gut gemacht2 und ihren Gesprächspartner freundlich aber – wo nötig – bestimmt herausgefordert. Ein Punkt wurde allerdings nicht wirklich ausgedeutscht: Setzt sich die Einsicht durch, dass das weltliche Recht für alle verbindlich sein muss, kann man sich auch das seltsame Konstrukt Staatskirchenrecht schenken. Die Kirchen sollen – wie andere Organisationen auch – innerhalb der staatlichen Rahmenbedingungen grosse Freiheiten haben, sich zu organisieren. Aber nur innerhalb dieser.

Leider bietet ZüriPlus keinen Direktlink zur Sendung an. Aktuell kann die Sendung auf der Hauptseite des Programms ZüriKonkret angesehen werden.

(Hat tip: frei-denken.ch)

1Kirchenstaatsrecht wäre im Grunde passender, da es der Kirche die Rolle eines Staats im Staat zubilligt
2Anders bei der Sendung zum Fach Religion & Kultur, in der sie Jürgen Oelkers’ Schwurbeleien und Beschönigungen kaum was entgegengesetzt hatte.

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