Spanischer Kolonialismus versus katalanischer Sprachenfetischismus

José Ignacio Wert und Xavier Trías
Die Katalanen haben einen neuen Lieblingsfeind, den spanischen Bildungsminister José Ignacio Wert. Er verkündete, es sei Regierungsinteresse, die katalanischen Kinder zu «spanisieren» (españolizar).
Bei den Katalanen weckt dies äusserst ungute Erinnerungen, waren doch Katalanisch, Baskisch und Galizisch unter dem Regime des Faschisten Franco verboten. Die harschen Reaktionen aus Barcelona sind deshalb verständlich, selbst die katalanischen Sozialisten, die sich eben erst gegen eine Loslösung Kataloniens von Spanien ausgesprochen haben, verlangen den Rücktritt Werts.
Die beständige Kränkung durch die Zentralregierung verleitet katalanische Politiker allerdings nicht selten zu einem ähnlich ungeniessbaren Sprachenfetischismus. So hielt der katalanische Bürgermeister Xavier Trías an der 6. internationalen Rethinking Cities-Konferenz, die letzte Woche über die Bühne ging, sein Grusswort mit Ausnahme von ein paar einleitenden englischen Sätzen auf katalanisch. Er zelebrierte Barcelona als Stadt von globaler Bedeutung, die grossen Wert auf Inklusion aller Bevölkerungsgruppen lege.
Die Katalanen waren an der Konferenz mit über 300 Teilnehmenden aus der ganzen Welt nicht wirklich übervertreten. Für die meisten Anwesenden war die Konferenzsprache Englisch (es gab Simultanübersetzungen nach Spanisch und Katalanisch) eine Fremdsprache. Der Werbespot – das Bestehen auf katalanisch war rein als politisches Signal gedacht, sein Englisch war so gut wie das vieler anderer Teilnehmer – hatte genau die gegenteilige Wirkung: Der Auftritt des Alcalde wirkte durch und durch provinziell. Das dürfte ihn wenig kümmern, denn das Signal galt nicht der Konferenz sondern seinen Wählern und allenfalls der Madrider Zentralregierung.
Immerhin: Trías’ Stellvertreter Antoni Vives, der im Gegensatz zu Trías an Panels und Workshops auch inhaltlich mitwirkte, punktete mit prägnanten Voten, in aller Selbstverständlichkeit auf Englisch vorgetragen. Leute wie Vives dürften für die Katalanen letztlich mehr herausholen.
P.S. Für die Wochenzeitung P.S. habe ich einen Bericht zur Rethinking Cities-Konferenz erstellt. Er ist hier als PDF verfügbar.
















Die Sprachenfrage in Katalonien ist sehr komplex. Katalonien oder besser Barcelona und Agglo ist seit Beginn der 90er Jahre und seit dem Zusammenbruch der Schwerindustrie im Norden (Bilbao, Gijón, Vigo) der einzige grosse Wirtschaftstandort Spaniens. Seit den 60er Jahren sind die Mehrheit der arbeitetenden Bevölkerung aus der unteren Mittelschicht Zuwanderer aus den anderen spanischen Regionen. Diese sprechen andalusisch,extremeño, gallego baskisch. (Nicht zu vergessen die ca. 15% andern Migranten, die berberisch oder afrikanische Sprachen deutsch etc. sprechen.) Diese ärmeren Bevölkerungsschichten werden aber (ähnlich wie die Migranten in der Schweiz) von den regierenden katalanischen Parteien absichtlich politisch nicht integriert. Die Kinder dieser Zuwanderer sind perfekt zweisprachig und leben in einer ähnlichen Diglossie wie die CH-Kinder. Aber man hört es natürlich im Akzent, dass sie nicht unbedingt muttersprachig sind. Mit dieser ausschweifenden Erklärung des Hintergrundes wollte ich nur deutlich machen, dass in Katalonien das Katalanische auch dazu gebraucht wird, die eigene politische Dominanz der reicheren Mittel- und Oberschicht gegenüber den mehrheitlich kastilisch- und galicischsprachigen Unterschichten aufrecht zu erhalten.
Nur damit kein Missverständins entsteht: Ich bin dafür, dass alle katalanischsprachigen Menschen ihre Sprache sprechen und in der Schule lernen sollen, wie die Galicier, die Basken und alle andern Regionen auch. Wenn Sprachen aber als Mittel zur Benachteiligung des Zugangs weiter Bevölkerungusschichten zu den öffentlichen Stellen etc. missbraucht werden, habe ich wenig Verständnis.
Wenn ich an Kongressen in Katalonien bin und die Leute auf katalanisch reden wollen und sich weigern mich auf kastilisch anzuhören, schlage ich immer vor, dass jeder in seiner Sprache reden soll: Dann rede ich deutsch und die Diskussion ist vorbei.
PS: Die Schweizerbevölkerung hat nach den jüngsten Europäischen Studien neben Luxenburg den höchsten Durchschnitt an Fremdsprachenkenntnissen in ganz Europa. CH: Durchschnitt 3,5 Fremdsprachen auf mindestens B2 Nivea: Katalonien Durchschnitt 1 Fremdsprache auf B2 Niveau und das ist Kastilisch. So gesehen verstehe ich dein Kopfschütteln zur Sprachenfrage