10. September 2013 10:47

Achtjähriges jemenitisches Mädchen stirbt nach Zwangsheirat und erzwungenem Sex – Versuch eines Faktenchecks

72.043 mal angeschaut 112 Kommentare Schlagwörter: , , , ,
Bild von Stephanie Sinclair, 2007 von der UNICEF prämiert

Bild von Stephanie Sinclair, 2007 von der UNICEF prämiert

Seit vorgestern geht eine Schauergeschichte auf Online-Portalen um die Welt: ein achtjähriges jemenitisches Mädchen soll zwangsverheiratet  und in der Hochzeitsnacht von ihrem fünfmal so alten Gatten vergewaltigt worden sein. Dabei soll ihre Gebärmutter gerissen sein, was nur wenige Stunde später zu ihrem Tod geführt haben soll.

Im englischsprachigen Raum machte das Portal Gulf News den Anfang: Es berichtete am Montag Nachmittag und berief sich dabei auf einen Artikel der kuwaitischen Zeitung Al Watan. Diese wiederum soll sich auf am Sonntag erschienene jemenitische Zeitungsberichte berufen haben. Nachdem United Press International den Fall mit Hinweis auf die Gulf-News-Meldung aufgriff, erschien die Geschichte innerhalb eines Tages unter anderem beim britischen Mirror, dem australischen Portal news.com.au, bei der Huffington Post und auf englischsprachigen Portalen des nahen und mittleren Ostens, beispielsweise dem jordanischen Portal Al Bawaba, dem israelischen Ynetnews und dem pakistanischen thenewstribe.

Gestern Montag verbreiteten erst die Deutsche Presseagentur und dann auch die Schweizerische Depechenagentur die Meldung. Der Spiegel, die FAZdie NZZ, 20 Minuten, der Blick und andere griffen sie auf.

In einem Teil der Berichte wurde erwähnt, dass das Mädchen Rawan heisse und dass sie sich in der nordjemenitischen Provinz Hajja zugetragen haben soll. Die Geschichte wirkt also authentisch. Die Frage ist: Ist sie auch wahr?

Ein Facebook-Posting, das die Geschichte weiterverbreitete, und das immerhin 151 Mal geteilt wurde, verwendete ein 2007 von UNICEF Deutschland prämiertes Bild der US-Amerikanischen Fotografin Stephanie Sinclair aus Afghanistan (s. Abbildung oben). Zumindest in diesem Fall handelt es sich um eine bewusste Manipulation.

Bild aus einem CNN25-Bericht vom Mai 2013

Bild aus einem CNN25-Bericht vom Mai 2013

Ein falsches Bild muss die Geschichte jedoch nicht unwahr machen. Der Faktencheck gestaltet sich jedoch als schwierig: Auf Al Watan findet sich online kein Hinweis auf die Geschichte. Immerhin: Auf dem Facebook-Portal der jemenitischen Zeitung al Sharea findet sich ein Anriss der Geschichte. Um Details zu erfahren, müsste man Zugriff auf die Papierausgabe haben. Online zugänglich ist der Artikel der jordanischen almadenahnews, der bereits am 7. September erschienen war –  auf den aber weder englisch- noch deutschsprachige Artikel verwiesen. Und auch dieser Artikel verwendet mit Sicherheit ein Bild, das nicht das angebliche aktuelle Opfer abbildet. Das Bild tauchte bereits im Mai dieses Jahres in einem CNN25-Artikel auf, der Prostitution in Marokko unter dem Deckmantel von Kindsheiraten anprangert.

Im Spiegel stand zu lesen, dass ein Mitarbeiter des «Jemenitischen Zentrum für Menschenrechte» der dpa Auskunft über den Fall gegeben hätte. Auf Deutsch taucht dieses Zentrum online einzig und allein in Zusammenhang mit der Berichterstattung über diesen Fall auf. Möglicherweise ist das Yemen Center for Human Rights gemeint. Dieses hat allerdings seit Monaten auf seiner Website keine Nachrichten mehr aufgeschaltet und seine Facebook-Seite ist offline.

Gulf News, das die internationale Berichterstattung ins Rollen brachte, ist sich seiner Sache nicht mehr so sicher. Als Kacem* und ich gestern Nachmittag bereits am Recherchieren waren, veröffentlichte das Portal einen Artikel mit dem Titel «Wedding night death of girl, 8, denied in Yemen». Dort tauchen erstmals Details zum Fall auf. Behördenvertreter wollen keine Kenntnisse des Falls haben und der Vorsitzende der Kinderschutzorganisation SEYAJ wird mit der Aussage zitiert, dass das vorläufige Resultat ihrer eigenen Untersuchung sei, dass die Geschichte nicht stimme. Der Journalist, der den Fall aufgedeckt haben will, ist sich jedoch gemäss Gulf News sicher, dass die Story, die ihm Verwandte des Mädchens zugetragen haben sollen, stimmt.

Falschmeldungen kommen immer wieder vor

Es bleibt unklar, ob der Fall authentisch ist und nun von behördlicher Seite verschleiert wird, ob einem Journalisten ein Bär aufgebunden wurde oder ob der Fall gar von diesem Journalisten als bewusste Falschmeldung inszeniert worden war.

Einmalig wäre dies nicht. So ist zu vermuten, dass der im Juli dieses Jahres via Youtube bekannt gewordene Fall eines elfjährigen jemenitischen Mädchens, das wegen der drohenden Zwangsheirat von zu Hause geflohen sein soll, erfunden war. Und die Nachricht von Anfang Januar, dass der Prediger Muhammed al-Arifi mittels Fatwa Massenvergewaltigungen als Kriegsmittel für in Syrien kämpfende Jihadisten für zulässig erklärt habe, erwies sich als Ente, auf die auch ich reingefallen war.

Die Falschmeldung zu al-Arifi war geschickt eingefädelt worden, da er als radikaler Prediger bekannt ist, der schon mehrfach haarsträubende Botschaften verkündet hatte. Und natürlich scheinen auch Meldungen zu Kindsheiraten und -misshandlungen im islamischen Raum schnell glaubhaft.

Die leider unzähligen wahren Fälle sollten jedoch nicht dazu führen, dass Horromeldungen ungeprüft verbreitet werden. Das (halbe) Dementi von Gulf News wurde bisher einzig von The Blaze wiedergegeben. Die Kommentare dort und auf den zahlreichen Portalen, die «nur» eine Variation der Originalmeldung publizierten, zeigen, dass sich kaum jemand für den Faktencheck interessiert.

Was ins eigene Weltbild passt, scheint hochwillkommen, egal ob es sich um eine wahre oder eine fabrizierte Geschichte handelt. Genau deshalb tragen Newsmacher eine Verantwortung für ihre Berichterstattung.

 

* Herzlichen Dank an Kacem El Ghazzali, in der Schweiz wohnhafter säkularer Blogger aus Marokko, für die Recherchen auf arabischsprachigen Portalen und den Einbezug weiterer arabisch sprechenden BloggerInnen!

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (11 Bewertungen, durchschnittlich: 4,18 von 5)
Loading...Loading...