Artikel mit dem Tag 'Grossbritannien'
Politik, Sonderbares »
England und Wales modernisieren das Justizwesen! Kleine Unvollkommenheiten wie die fehlende Trennung von Legislative und Judikative bleiben zwar bestehen. Aber die Richter wollen sich volkstümlicher geben und haben sich deshalb von der Londoner Designerin Betty Jackson eine neue Arbeitsuniform schneidern lassen. Schlichter als das Vorgängermodell, das 300 Jahre den Standard setzte, kommt es daher. Und – unglaublich – die Richter verzichten künftig gar auf ihre Perücke. (Disclaimer: Die Neuerungen gelten nur für Zivilrichter. Strafrichter brauchen die Perücke weiterhin zum Persönlichkeitsschutz.)
Bei diesem Reformtempo werden aus Britannien (oder seinen Nachfolgerstaaten) womöglich innert weniger Jahrhunderte moderne Republiken.
Politik »
Die britische Labour-Regierung hat ein Problem. Sie dürfte bei den nächsten nationalen Wahlen aus dem Amt gefegt werden. Jedenfalls klatscht das Elektorat fleissig, wenn die Tories im Herrschaftsgebiet von Lizzy II für Ruhe und Ordnung sorgen wollen. Also versucht Labour die Konkurrenz beständig rechts zu überholen – was gar nicht so einfach ist bei Vorschlägen wie Benimm- und Marschierunterricht an (üblicherweise schulfreien) Samstagen für nichtkonforme Kinder (ein erstes Versprechen des neuen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson).
Doch Labour gibt sich noch nicht geschlagen. Jacqui Smith, Ministerin für innere Sicherheit, will nun staatliche Stalking- und Mobbing-Truppen auf die Beine stellen, die dem sich unroyal benehmenden Gesindel auflauern sollen:
Police should be harassing badly behaved youths by openly filming them and hounding them at home to make their lives as uncomfortable as possible, the home secretary will say today.
Die Generalprobe hat in Essex bereits stattgefunden – mit vollem Erfolg, wie ein involvierter Polizist berichtet:
A four-day blitz in Basildon, which was followed …
Politik »
Das britische Visual Images, Identifications and Detections Office zieht Bilanz (s.Guardian):
Massive investment in CCTV cameras to prevent crime in the UK has failed to have a significant impact, despite billions of pounds spent on the new technology, a senior police officer piloting a new database has warned. Only 3 percent of street robberies in London were solved using CCTV images, despite the fact that Britain has more security cameras than any other country in Europe.
Das beinahe lückenlose Ueberziehen der Heimat Orwells mit Ueberwachungskameras hat also ausser Milliardenspesen nichts gebracht. Welche Lehren zieht man nun daraus? Es braucht eine nationale Datenbank, bessere Software und viel mehr Auswertungen, damit die Verbrecherbekämpfungsrate gesenkt werden kann. Das kann natürlich nur gut sein:
The charity Victim’s Voice, which supports relatives of those who have been murdered, said it supported more effective use of CCTV systems. «Our view is that anything that helps get criminals off the street and prevents crime is …
Politik »
Bis 22 Uhr Lokalzeit sind die Wahllokale in England noch geöffnet. Am meisten Aufmerksamkeit findet die Ausmarchung um den Sitz des Londoner Bürgermeisters1. Doch neu zu vergeben sind auch die 25 Sitze des Londoner Parlaments und rund 4000 Exekutivmandate in 159 weiteren Gemeinden.
Mein britisches Stimmrecht hab ich längst verloren, zu lange bin ich schon nicht mehr auf der Insel wohnhaft. Eigentlich hätte ich schon so meine Präferenzen (s.a dieses sehr gelungene Wahlvideo), allerdings bin ich eben bei einem Kandidaten einer weitaus traditionelleren englischen Partei auf ein überzeugendes Fünfpunkteprogramm gestossen, das doch sehr überzeugend wirkt. Punkt Nummer 2 daraus:
We will ban the production, sale and wearing of shoes and other footwear made of coal. This will allow all residents to help reduce the carbon footprint in the Borough.
Wer im Wahlkreis Molesey East (in Surrey, südwestlich von London) wohnt, sollte Kandidat Chinners unbedingt die Stimme geben. Noch ist Zeit dafür.
1 Siehe auch Beitrag von digichris.
Gretchenfrage, Sonderbares »
Bereits im Dezember 2006 hatte der ägyptische Forscher Abd al-Baset al-Sayyid festgestellt, dass auf Greenwich basierende Zeitrechnungen zu Differenzen von rund 8.5 Minuten zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre führten, was beispielsweise im Flugverkehr zu Schwierigkeiten führe. Mit einer Umstellung auf Mekka-Zeit würden diese Probleme verschwinden – und noch andere mehr.
Die Erläuterungen nicht verstanden? Abd al-Baset al-Sayyid erklärt es Schritt für Schritt
Denn nirgendwo sonst auf der Welt ist Blut dermassen gut in der Lage, Sauerstoff im Körper zu transportieren wie in Mekka. Vielleicht hängt dies mit der kurzwelligen Strahlung zusammen, die von Mekka ausgeht, die der weise Gelehrte an anderer Stelle beschreibt (Video).
An der Konferenz wurde übrigens noch eine Uhr vorgestellt, die im Gegenuhrzeigersinn läuft und helfen soll, die Richtung nach Mekka von jedem Punkt der Erde aus bestimmen zu können. Ob bei diesem Modell die Zeit ebenfalls rückwärts läuft, erwähnt der BBC-Bericht leider nicht.
Politik »
Die olympische Fackel wurde heute also durch London getragen. 2000 Polizisten und ein Rudel chinesischer Sicherheitsbeamter waren nötig, um sicherzustellen dass dem Symbol des Friedens und der Verbundenheit zwischen den Völkern das Licht nicht ausging.
In London scheiterten die Versuche von Demonstranten, die Fackel zu ergreifen oder mit einem Feuerlöscher auszublasen.
Morgen ist Paris an der Reihe, auch dort dürften ein paar Überraschungen auf die Stafettenläufer im Dienste Beijings warten. Es ist also durchaus möglich, dass während der 123 noch verbleibenden Tage das olympische Feuer doch noch irgendwo auf der Strecke bleibt, auch wenn für die Jintaoiade natürlich nichts dem Zufall überlassen wird. (1936 misslangen die zahlreichen Versuche, das Feuer für die Hitleriade zu löschen.)
Die Vereinten Nationen haben übrigens beschlossen, dass ihre Mitarbeiter nicht am Fackellauf in Nordkorea teilnehmen sollen, aus Angst die Regierung von Kim Jong-il könnte den Anlass für Propagandazwecke missbrauchen. Neiaberau, dass es tatsächlich solche Regierungen gibt auf der Welt…
Politik »
Ken Livingstone, Erfinder des Londoner Road-Pricing, möchte Bürgermeister seiner Wohnstadt bleiben. Als «Red Ken» gewann er die Wahlen in den 1980er Jahren spielend, bis Pinochet-Freundin Thatcher das Lokalparlament abschaffte. Auch im Jahr 2000, als das Amt wieder eingeführt wurde, liess er die Kandidaten von Konservativen, Labour und Liberaldemokraten deutlich hinter sich und nahm sein altes Amt wieder ein. Auch 2004, diesmal als Labour-Kandidat, verteidigte er seinen Spitzenplatz ohne grössere Probleme. Ob ihm dies am 1. Mai noch einmal gelingt, ist unklar, sein konservativer Herausforderer Boris Johnson liegt gemäss eineraktuellen Umfrage knapp vorn.
Entscheidend dürften die Zweitstimmen werden, nicht zuletzt diejenigen der Grünen, die mit der 33-jährigen Metallurgin Siân Berry unter den zehn Kandidierenden die einzige Frau und die einzige Person unter 40 Jahren stellen. Berry ruft dazu auf, Livingstone als «2nd choice» anzukreuzen. Doch Johnson hat sich was neues einfallen lassen, um zu Erst- und Zweitstimmen zu kommen: Er hat eben zugegeben, in seiner Jugend gekokst zu haben. Das dürfte …
Wissenschaft »
Das British Medical Journal ist eine altehrwürdige medizinische Fachzeitschrift mit respektablem Impact factor. Wie bei einer seriösen wissenschaftlichen Zeitschrift üblich, werden eingereichte Artikel von Fachleuten vorgeprüft und nur abgedruckt, wenn sie die Anforderungen der Reviewer erfüllen – ausser bei der Rubrik Personal View, offenbar Gefäss für Junk science: Co-Herausgeberin Trish Groves klärt die Leserschaft in der aktuellen Ausgabe (Auszug, voller Text für Abonnenten) über den wahren Grund für übermässigen Alkoholkonsum in Grossbritannien auf.
Schuld an der masslosen Sauferei – zumindest unter der englischen Mittelklasse – ist die 0.75l-Weinflasche:
I like a glass of good wine with my supper. But, once two of us have had a glass each, it’s hard to know what to do with the rest. The fridge door is already full of milk bottles, the wine stoppers leak if you lay the bottle on a shelf, and although whites and rosés may not mind sitting in the fridge for another day or two, most reds don’t keep well …
Gretchenfrage »
Achse der Religiösen» betitelt Reta Caspar in einem Kommentar zur NZZ-Berichterstattung den Vorschlag des Erzbischofs von Canterbury, für gewisse Streitigkeiten Sharia-Gerichtsbarkeit in Grossbritannien zuzulassen. Die Redaktorin des Magazins «frei denken» bringt es auf den Punkt: Religionsvertreter verbünden sich in ihrem Interesse, religiös begründetes Recht gegen säkulares Recht durchzusetzen. Im BBC-Radio-Interview spricht Rowan Williams denn auch von der Unzufriedenheit von Katholiken und Anglikalen mit der britischen Abtreibungsgesetzgebung.
Der Erzbischof zeigt grosses Verständnis für religiöse Sonderwünsche: «members of minority religious communities feel that the gap between their principles and the legal system of the state is so vast, the only option open to them is to opt out of the mainstream legal system».
Grossbritannien scheint ein geeignetes Versuchslabor für das Konzept von parallelen Rechtssystemen, hat es doch bereits lange Tradition. Ich denke dabei weniger an die jüdisch-orthodox Gerichte, die z.B. über Scheidungsbegehren entscheiden sondern an die Immunität für Angehörige des Königshauses und der Schutz vor Verhaftung bei Zivilklagen für Aristokraten, Pfaffen, Parteispender und andere sogenannte Peers.
Die …
Gretchenfrage »
Kinderbüchern haftet oft der Ruf an, sie seien reichlich moraltriefend, müssten mindestens so sehr erzieherisch wertvoll wie unterhaltsam sein. Als Beispiel möge Der Regenbogenfisch lernt teilen dienen. Den Anspruch, Kinder in die richtigen Bahnen zu leiten, haben sicherlich auch religiös ausgerichtete Kinderbücher. Solche sind in der aktuellen Amazon-Bestenliste in dieser Kategorie mit so erbauend klingenden Titeln vertreten wie «Ich bin das Licht, Komm freu Dich mit mir», «Du bist einmalig» oder «Ich will dir was erzählen, lieber Gott. Mit Kindern beten ist schön».
Man könnte leicht zynisch schlussfolgern, Kindern wird aus erzieherischen Gründen das selber Denken abgenommen. Dabei gibt es sehr wohl Kinder, die sich dieses Recht frech herausnehmen wollen – wie es im besten aller Kinderbücher anschaulich dokumentiert ist:
“Thinking again?” the Duchess asked, with another dig of her sharp little chin.”I’ve a right to think,” said Alice sharply, for she was beginning to feel a little worried.”Just about as much right,” said the Duchess, “as pigs have to fly….”
So sehr …






