Artikel mit dem Tag 'Junk Science'
Wissenschaft »
Ein Team um den Löwenforscher Craig Packer wagt sich ans Thema evolutionäre Psychologie. Das Ergebnis ist mehr als zweifelhaft. Problematischer ist allerdings, dass völlig unsinnige Behauptungen den Review-Prozess überstehen und unbesehen von fremden Redaktionen übernommen werden.
Gemäss Packer et al (2011) wurden in Tansania zwischen 1988 und 2009 über 1000 Menschen von Löwen angegriffen. Hinweise darüber, unter welchen Bedingungen Raubkatzenübergriffe besonders wahrscheinlich oder besonders unwahrscheinlich sind, sind für die Lokalbevölkerung also von hohem Wert.
Packer und seine Co-Autoren brachten in der Vergangenheit diverse Einflussfaktoren ins Spiel. So legte Craig selbst nahe, dass ein hohes Aufkommen von Buschschweinen die Wahrscheinlichkeit von Löwenangriffen auf Menschen erhöhe. Der Zusammenhang scheint in der Tat schlüssig: Buschschweine machen sich in Siedlungsnahen Gebieten gerne über Felder her. Um sie zu vertreiben, schlafen Bauern oftmals im Freien – und werden so zuweilen Opfer von Löwen, für die Buschschweine eine beliebte Nahrung sind.
Und Hadas Kushnir brachte zwei weitere Thesen ins Spiel: Sie vermutet, dass sich …
Politik, Wissenschaft »
Der European Council of Skeptical Organisations (ECSO) organisiert im Schnitt alle zwei Jahre einen Europäischen Skeptiker-Kongress, der diesjährige Kongress ging vom vergangenen Freitag bis Sonntag in Budapest über die Bühne. Eine Rückschau.
Zwei Themenbereiche überwogen: wie Fragestellungen wissenschaftlich sauber untersucht werden können und wie auf allerlei Quacksalbereien reagiert werden soll. Gábor Szabó, Physiker und Rektor der ungarischen Universität Szeged, nahm sich zum Einstieg der Lichttherapie an. Er zeigte auf, dass Zellkulturen verschieden auf unterschiedliche Lichtwellen reagieren und der Effekt mehrerer Frequenzen sich neutralisieren kann. Im weiteren werden Lichtstrahlen von der Haut auf komplexe Art absorbiert und umgelenkt, spezifische Effekte lassen sich dadurch nur sehr schwer erzielen – Erklärungsmodelle für Lichttherapieansätze scheitern somit fast zwangsweise an der Komplexität biologischer Systeme. Das intensive Bemühen die physikalischen und biochemischen Abläufe dennoch im Detail zu verstehen, scheint nichts desto trotz viel versprechend: Zusammen mit Medizinern hat Szabó für Allergiebehandlungen mit Lichtreizen in der Nase erste Erfolge erzielt.
Der belgische Mediziner und Professor …
Gretchenfrage, Politik »
Robert Heymann ist bekennender Tora-Fan. Nicht einfach aus religiöser Überzeugung, nein seine Ehrfurcht vor den Büchern Mose gilt vor allem auch den «Passagen mit ihren praktischen Dingen», wie er im Interview mit «d’Region» bekennt. Als Beispiel führt er den «Chukat»-Abschnitt an, in dem eine Kuh — nicht irgendeine, sondern eine tadellose rotfarbene — geopfert wird, um ihre Asche zur Reinigung zu verwenden:
Das ist die Verordnung, die der Herr erlässt: Sag den Israeliten, sie sollen dir eine fehlerlose, einwandfreie rote Kuh bringen, die noch nie ein Joch getragen hat. Übergebt die Kuh dem Priester Eleasar! Dann soll man sie vor das Lager hinausführen und sie vor seinen Augen schlachten. Der Priester Eleasar nimmt mit seinem Finger etwas von ihrem Blut und spritzt damit siebenmal gegen die Vorderseite des Offenbarungszeltes. Darauf verbrennt man die Kuh vor seinen Augen. Ihr Fell, ihr Fleisch und ihr Blut, alles soll man verbrennen, samt ihrem Mageninhalt. Der Priester nimmt Zedernholz, Ysop …
Kulturelles, Wissenschaft »
Brandneu sind die Enthüllungen um den dubiosen Impfkritiker Andrew Wakefield nicht, die inhaltliche Vorarbeit hatte vor allem der britische Investigativjournalist Brian Deer geleistet.
1998 hatte Wakefield im renommierten medizinischen Fachjournal «The Lancet» die These aufgestellt, kombinierte Masern-Mumps-Röteln-Impfungen seien die wahrscheinliche Ursache für das Auftreten von Autismus bei zwölf untersuchten Kindern. Was angesichts der schmalen Datenbasis anfänglich lediglich nach voreiliger Schlussfolgerung aussah, entwickelte sich nach und nach zum Skandal und im Februar dieses Jahres zum Rückzug des Artikels durch die Lancet-Redaktion.
Deer hatte aufgezeigt, dass die im Londoner Royal Free Hospital gesammelten Daten die Schlussfolgerungen von Wakefield gar nicht zuliessen, dass dieser von einem US-Amerikanischen Anwalt dafür bezahlt worden war, Fakten zu liefern, die eine Sammelklage gegen Hersteller von MMR-Kombi-Impfungen ermöglichen sollte und dass Wakefield selbst ein Patent für Masern-Einzelimpfungen eingereicht hatte.
Der britische Künstler Darrly Cunningham erzählt die Skandalgeschichte nun in der Form eines 15-seitigen Comics. Sehr zu empfehlen!
Kulturelles, Wissenschaft »
Patrik Etschmayer schrieb im vergangenen September in seiner nachrichten.ch-Kolumne von der Bullshit-Kultur:
«Astrologie, Homöopathie, Wünschelruten, Handauflegen, Akupunktur, Hellseher, Geistheiler, Ufo-Entführungen, Löffelverbiegen und allerlei Religionen. Doch auch in der Klimadiskussion, der Gentechnikdebatte und vielen anderen politischen Themen wird fleissig BS serviert und von der Öffentlichkeit vielfach als Fakt geschluckt, ohne zu bemerken, dass die Argumente die Qualität von Stierexkrementen haben.
Ein Problem bei all diesen Themen ist vielfach, dass es bei einigen Leuten geradezu als Schick gilt, von Naturwissenschaften und deren Methoden keinen blassen Schimmer zu haben und deshalb weiss man auch nicht, wie man es vermeiden kann, sich selbst zu täuschen und die eigenen Sehnsüchte über die Realität zu stellen.»
Man soll es nicht beschönigen: Wissenschafter scheitern leider allzu oft beim Demaskieren des Bullshits. Kunstschaffende scheinen da erfolgreicher zu sein – gerade auch, weil man ihnen zubilligt, die Dinge beim Namen zu nennen. Zum Beispiel Tim Minchin…
Gretchenfrage »
«Schöpfungslehre kontra Wissenschaft» – so lautete der Titel einer kontradiktorischen Debatte, zu der gestern die Winterthurer Freidenker eingeladen hatten. Den wissenschaftlichen Standpunkt nahm der Biologe und Chemiker Toni Bürgin ein, der seit 1996 das Naturmuseums St Gallen leitet. Den Kreationismus vertrat der evangelikale Missionar Roger Liebi.
Diskussionsleiter Kurt Schmid eröffnete die Debatte mit der Präsentation eines versteinerten Trilobiten, der aus wissenschaftlicher Sicht rund 450 Millionen Jahre alt ist. Roger Liebi sah dies freilich etwas anders: Die Bibel geht von einem Erdzeitalter von nur rund 6000 Jahren aus, ergo muss der versteinerte Gliederfüsser noch jüngeren Datums sein. Das versteinerte Sediment, aus dem der Trilobit herausgelöst wurde, entstand gemäss Liebi durch die Sintflut. Er sprach den wissenschaftlich anerkannten Datierungsmethoden jede Verlässlichkeit ab und brachte als «Gegenthesen» Messmethoden ins Spiel, welche aufgrund von Salz- und Metallkonzentrationen im Meer das Erdalter zu bestimmen versuchen, und präsentierte ein Sammelsurium an Schätzungen zwischen 11′ooo bis 21 Millionen Jahren. Dass diese offensichtlich unzuverlässigen Ansätze ebenfalls allesamt …
Informatik, Wissenschaft »
Er ist bereits zwei Jahre alt, der Patent-Antrag von Microsoft mit dem Titel «Clustering phylogenetic variation patterns». Doch erst kürzlich haben Wissenschafter bemerkt, wofür genau Microsoft Erfinderschutz beantragt. Phylogenese bezeichnet die stammesgeschichtliche Entwicklung der Arten. Bereits Darwin nutzte Baumstrukturen, um die Verwandtschaftsgrade verschiedener Artenbildlich darzustellen.
Zu Darwins Zeiten wurden vor allem morphologische und – bei lebenden Arten – physiologische Merkmale verglichen: Ähnlichkeiten im Körperbau oder funktionelle Gemeinsamkeiten von Gewebe und Organen bei verschiedenen Arten gelten als Indiz für eine gemeinsame Vergangenheit. Heute dominieren molekulargenetische Analysen: Je grösser die Übereinstimmung von Gensequenzen, als desto näher verwandt gelten zwei Arten. Analysiert man Daten einer grösserer Menge von Arten, lassen sich Stammbäume erstellen, deren Verästelungen aufzeigen, in welcher Reihenfolge neue Arten aus gemeinsamen Vorfahren entstanden.
Genau hier setzt das Microsoft-Patent an.
Kulturelles, Wissenschaft »
«Quacks & Cures» lautete der Titel des gestrigen Abends, zu dem der Wellcome Trust in London Euston eingeladen hatte. Gastredner waren Ben Goldacre, Autor des Buches «Bad Science» und die Medizinhistorikerin Roberta Bivins. Goldacre sprach über den Placebo-Effekt, die eigentliche Geschäftsgrundlage der Quacksalberzunft, Bivins über die besondere Bedeutung Londons als Handelsplatz und Nährboden der Quacksalberei.
Goldacre brachte vorwiegend Beispiele aus seinem Buch, in dem er – immer auf Gruppenstudien verweisend – beispielsweise aufzeigt, dass rote Zuckerpillen belebender wirken als blaue und dass vier Zuckerpillen besser wirken als zwei…






